Ah, die Straßenbahn – der Ort, an dem sich die Menschheit in ihrer ganzen Pracht entfaltet.
Neulich durfte ich ein kleines Schauspiel erleben: Eine Frau macht höflich auf einen freien Sitzplatz aufmerksam, doch die Antwort kommt prompt: „Dann kann ich nicht schmerzfrei wieder aufstehen.“
Und schon war es passiert – die Lawine der ungebetenen Ratschläge rollte los.
Es folgte ein Feuerwerk an Tipps, Produktempfehlungen und Lebensweisheiten, die selbst Google neidisch gemacht hätten.
Das war keine Konversation mehr, sondern eine spontane medizinisch-philosophische Vorlesung im öffentlichen Raum.
Ungefragt, ungefiltert und mit der Präzision eines Werbeprospekts aus der Apotheke.
Frau Google – Offline-Version – die in voller Performance hochfuhr, live und in Farbe, ungefiltert und ohne Spamfilter. Ich konnte nur staunen und mich gleichzeitig fragen: Ist das jetzt ein öffentlicher Verkehrsmittel oder eine Selbsthilfegruppe?
Ich gebe zu: Ich hatte Mitleid.
Mit ihr.
Und ein bisschen mit mir.
Am Ende waren wir beide wohl erleichtert, als unsere Station erreicht war. Denn wer braucht schon eine Straßenbahnfahrt, wenn man stattdessen eine kostenlose TED-Talk-Session bekommt? Nächstes Mal nehme ich Kopfhörer mit – oder vielleicht doch gleich ein Taxi.
Fazit: In der Straßenbahn gilt offenbar eine einfache Regel:
Wenn du Schmerzen erwähnst, bekommst du keine Ruhe – sondern eine kostenlose Multidisziplinärberatung von Orthopädie bis Lebensphilosophie. Ungefragt – natürlich!