Vortrag Selbstfürsorge – oder: Wer sorgt hier eigentlich für wen?

Ah, 9:00 Uhr. Die obligatorischen Samstag Vorträge beginnen. Thema: Selbstfürsorge: jener magische Moment, an dem wir alle gemeinsam beschließen, ab heute besser auf uns achtzugeben. Die Grundlage für diese erleuchtete Entscheidung? Drei Tassen Kaffee und ein gutes Frühstück.

Die vier Säulen der Selbstfürsorge werden feierlich enthüllt:

1. Körper: Bedeutet laut Theorie ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung und Bewegung. In der Reha-Praxis bedeutet es, den Kampf mit dem Thermostat im Zimmer zu gewinnen. Ein Sieg, der sich wie ein Lottogewinn anfühlt.

2. Psyche: Achtsamkeit, Meditation, Reflexion. Oder, wie ich es nenne: „Das innere Kopfkino abstellen, das einen ununterbrochen den Vortrag vom letzten Dienstag nacherzählen will.“

3. Sozial: Sinnvolle Beziehungen pflegen. Übersetzung: Smalltalk im öffentlichen Bereich über das einzige verbindende Element: „Wann, glaubst du, gibt’s heute Mittagessen?“

4. Existenziell: Der Sinn des Lebens, Werte, Perspektiven. Wird um 10:00 Uhr von der drängendsten existenziellen Frage aller Zeiten verdrängt: „Ist es zu früh, die Therapeutin zu fragen, ob es heute wieder diesen Pudding als Dessert gibt?“

Und da ist er. Punkt 10:10 Uhr. Die Hand geht hoch. Nicht um eine tiefgründige Frage zur eigenen Existenz zu stellen, sondern um die ewige, universelle Wahrheit zu erkunden: „Entschuldigung, wann gibt’s denn heute Mittagessen?“

Selbstfürsorge in a nutshell. Wir streben nach Erleuchtung, aber unser Magen denkt an Schnitzel. Vielleicht ist die wichtigste Säule ja doch die fünfte: Humor. Denn wer über sich selbst lachen kann, hat die Reha schon halb geschafft.

Vortrag „Essen als Ersatz“ – oder: Wenn der Magen gar nicht das Problem ist

Der Vortrag startet mit der Frage: „Wann essen Sie?“ – Antwort aus dem Publikum: „Wenn’s was gibt.“ Ehrlich. Sympathisch. Psychologisch vermutlich ein Volltreffer.

Es geht weiter: Wann, wo, wie wird gegessen?

Tja, in der Reha meist im Speisesaal, zu fixen Zeiten, mit Blick auf die Uhr und innerlich betend, dass es heute wieder so köstlich schmeckt wie es klingt.

Dann die verschiedenen Hungerarten:

Magenhunger – der einzige, der wirklich Grund zur Existenz hat.

Augenhunger – „Oh, das sieht lecker aus!“ (zwei Bissen später: bereut).

Nasenhunger – verführerischer Kuchenduft aus der Küche – und zack, Opfer.

Mundhunger – auch bekannt als „Ich trink lieber nix, ich kaue lieber was“.

Fazit: Wir essen nicht, weil wir Hunger haben – sondern weil wir Emotionen, Langeweile oder Kindheitstraumata snacken.

Und wer ehrlich ist, weiß: Der eigentliche Appetit kommt meistens vom Kopf – oder vom Speiseplan. Und jetzt entschuldigt mich. Der Geruch von Mittagessen dringt herein. Mein Nasenhunger hat soeben meinen Magenhunger überredet, dass wir beide unbedingt noch ein bisschen Seelenhunger brauchen. Achtsamkeit kann warten. Das Cordon Bleu nicht.

Reha-Ausflug: Von der Gruppendynamik zur Erleuchtung (mit Pause)

Das Mittagessen war gegessen, was tut man jetzt? Richtig. Man „flüchtet“ mit einer Mitpatientin in die Realität. Oder zumindest nach Grafenegg.

14:00 Uhr: Der große Ausflug
Die Autotür fällt ins Schloss. Ein befreiendes Geräusch. Für die nächsten Stunden riecht es nach Freiheit und nicht nach Desinfektionsmittel. Unser Ziel: Ein Schloss. Warum? Weil wir uns fühlen wollen wie Prinzessinnen, deren größtes Drama momentan ist, ob das Joghurt zum Frühstück löffelweise abgezählt wird.

14:30 Uhr: Die Ernüchterung
Das Schloss war zu. Symbolischer hätte es nicht sein können. Willkommen im Club der verschlossenen Türen. Wir stehen davor, wie vor unseren eigenen Blockaden. Hauptsache, die Fassade ist schön.

15:00 Uhr: Der Wolkenturm
Statt feudale Prunksäle zu besichtigen, stehen wir vor einem Beton-Koloss 1750 Sitzplätze. Alle leer. Die größte Stille, die ich je gehört habe. Passend. In meinem Kopf ist es momentan auch überwiegend leer.

16:00 Uhr: Die Erleuchtung (geplant)
Weiter ging’s zur Friedensstupa. Ein Ort der Stille, Liebe und Frieden. Oder, wie wir in der Reha sagen: „Ganz schön anstrengend, hier nicht über die Reha-Soap nachzudenken.“

Aber dann passierte es. Die tibetische Gebetsmühle. Ich drehe sie im Uhrzeigersinn. Warum? Weiß ich nicht. Die Anleitung sagte es so. Es fühlte sich an, als würde ich endlich mal an etwas drehen, das nicht meine eigenen Gedanken sind.

Für einen kurzen Moment, zwischen Drehen und Durchatmen, war da tatsächlich so etwas wie Einklang. Oder vielleicht war es auch nur die Vorfreude aufs Abendessen.

Finale in Krems: Die Kaffee-Erlösung

Und so endet der große Aus(bruch)flug, wie alles in der Reha endet: mit einer Tasse Kaffee. Aber nicht irgendeiner. Ein ziviler Kaffee. In Krems.

16:30 Uhr: Die letzte Bastion der Normalität
Wir sitzen in einem Café, in dem die größte existenzielle Krise die Frage ist, ob die Milch schaumig genug ist. Hier gibt es keine Therapiepläne, keine Visiten, keine strukturierte Tagesgestaltung. Nur zwei Ausreißerinnen und die heilige Dreifaltigkeit: Espresso, Cappuccino, Melange.

Das erste Schlürfen. Ein Moment der Wahrheit. Schmeckt nach Freiheit. Oder zumindest danach, für eine Viertelstunde nicht als „Patient“ gesehen zu werden, sondern einfach nur als jemand, der zu spät am Nachmittag Koffein konsumiert und damit vermutlich seinen Schlafrhythmus ruiniert.

Die eigentliche Therapie
Während wir unseren Kaffe genießen, passiert die eigentliche Heilung. Wir reden nicht über Befindlichkeitskurven. Wir tratschen über die anderen. Wir tun, was normale Menschen in einem Café tun: wir genießen die kleine, alltägliche Sünde. Der Kaffee war teuer. Die Milch vielleicht nicht bio. Aber es war die beste Investition der Woche. Billiger als eine Therapiestunde und fast genauso wirksam.

Jetzt geht’s zurück. Die Realität wartet mit dem Abendessen. Aber irgendetwas ist anders. Vielleicht war es die Stupa, vielleicht der Wolkenturm. Wahrscheinlicher ist, dass es der Kaffee war.

Die Erkenntnis des Tages:
Manchmal muss man vor verschlossenen Schlössern stehen, um offene Räume in sich selbst zu finden. Und manchmal reicht es schon, einfach nur eine Scheibe zu drehen, die sich leichter bewegt als der eigene verkantete Gedankenkarren. Oder eben in einem Café, mit dem Geschmack von Freiheit auf der Zunge. Und falls nicht, war es wenigstens ein verdammt guter Kaffee und ein schöner Tag.

Jetzt bin ich zurück. Der Geruch von Abendessen und Realität liegt in der Luft. Aber irgendwie riecht es heute ein bisschen nach Möglichkeit.

Hinterlasse einen Kommentar

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten