Klassentreffen organisieren: Zwischen Nostalgie und diplomatischem Totalschaden
Wikipedia beschreibt ein Klassentreffen als „Auffrischen gemeinsamer Erinnerungen“.
Ich würde es eher als soziale Feldstudie über Kommunikationsvermeidung bezeichnen.
Ich organisiere mittlerweile zum dritten Mal das Treffen unserer Pflegeschule — und langsam verstehe ich, warum manche Tiere sich tot stellen.
Ein simples „Nein“ scheint für viele emotional ungefähr auf derselben Ebene zu liegen wie eine Organspende bei vollem Bewusstsein.
Dabei geht es um nichts.
Niemand verliert eine Niere. Niemand wird öffentlich ausgepeitscht. Und Lucifer 😈 persönlich sitzt auch nicht am Empfang und kontrolliert die Gästeliste.
Klassentreffen organisieren ist wie Patienten für eine Studie gewinnen: Freiwillig, kein Nachteil bei Ablehnung, aber trotzdem kriegst du Geschichten, für die es in der Psychiatrie eine eigene Diagnose gibt: Die große Kunst des „Vielleicht“
„Ich muss noch meinen Mann fragen.“ – Für eine Studie? Der Mann wird weder untersucht noch wird er zum Aderlass gebeten.
„Ich frage erst meinen behandelnden Professor.“ – Medizinische Bedenken wegen… Blutabnahme und Fragebögen?
Oder mein Favorit: „Ich überlege es mir und melde mich.“ – Telefon wird im nächsten See versenkt, E-Mail-Account gelöscht, Identität gewechselt.
Die zweite Welle: Rückmeldungen mit Zusatzdrama
Dann die, die sich nach der zweiten Nachfrage melden: „Ach, der 12.? Ich dachte, es wäre der 3.? Da kann ich nämlich nicht. Aber am 12. passt!“ – Danke. Diese Information verändert mein Leben nachhaltig.
Und dann natürlich die Ermittler:innen:
„Ich bin neugierig, wer alles kommt.“ – „Hast du nur über WhatsApp kontaktiert?“ – Nein, ich habe WhatsApp, SMS und E-Mail genutzt. Vielleicht rauche ich auch Signalfeuer an. Es fehlt nur noch die Brieftaube mit Burnout-Symptomatik. 🙈
Das Faszinierendste an Klassentreffen bleibt ohnehin: Manche Erinnerungen kommen zurück wie warme Sommerabende. Andere wie plötzlich einschießende Kreuzschmerzen.


