Reha-Tagebuch, Montag der 13.te – Oder: Die Sache mit dem Eingemachten

Man könnte meinen, das Wochenende in der Rehaklinik sei ruhig. Weit gefehlt. Während die normale Welt bruncht, kämpfen wir hier gegen Dämonen. Die einen unsichtbar, im Kopf. Die anderen sehr sichtbar, an der Wand. Alle sitzen brav in ihren Stühlen, als ginge es um die Anordnung für ein offizielles Gruppenfoto. Während sich die anderen mit den standardisierten Sitzmöbeln arrangieren, entfaltet eine ihr persönliches Basiscamp. Yogamatte ausgerollt. Polster platziert. Decke drapiert. Ein kleines Nest der Nonkonformität zwischen den kreisenden Füßen. – wem‘s gefällt 🤷‍♀️

Der innere Kampf:

Einer erzählt von Zwangsgedanken und Zwangs-Ritualen, ein anderer von seiner Wut, die er traditionell an Wänden austobt – Seine frühere Bewältigungsstrategie: Faust gegen Beton. Effektiv? Kurzfristig. Für die Wand. Und die Hand. Man könnte sagen, Wutmanagement à la Innenarchitektur.

Die große Sinnfrage: Themenwechsel. Jemand schwärmt von seinem Thermenbesuch. Wellness für die zerknautschte Seele.

Dann passiert’s. Ein Vulkan bricht aus: Jemand anderes empfindet die ewige Erzählerei über scheinbar immer das selbe als „nichtsbringend“ – und entlädt sich verbal wie ein Hochdruckkessel kurz vorm TÜV

Er schüttet sich aus. Über die Bubble hier. Dass das hier nichts bringe. Dass da draußen die grausame, kapitalistische Welt lauere, in der er immer funktioniert hat. In der er gekündigt wurde von Vorgesetzten, die ihn nicht mal kannten. Die nur vier Stunden die Woche anwesend waren und trotzdem über sein Schicksal entschieden. Er denkt ans Abbrechen. Außerdem möchte er mehr gefordert werden, in die sogenannte Pflicht genommen werden – wie das harte Leben draußen ja ist. Er hat in seinem Job immer alles gemacht und verstand nie warum es immer ihm traf bei Kündigungen… er fühlt sich nicht vorbereitet für draußen…

Die Meuterei und die Offenbarung: Ein kurzes, meuterisches Aufflackern eines Aufstandes, so wie ein billiges Teelicht im Durchzug. Andere Gruppen, heißt es neidvoll, gehen angeblich „ans Eingemachte“ – Da wird in jeder Stunde mindestens eine Person zum Heulen gebracht.

Und dann… unsere Therapeutin. Ein verschmitztes Lächeln. Ein kurzes, gefährliches Aufblitzen in den Augen.

„Ja“, sagt sie fast beiläufig. „Ich kann auch anders.“

Wie sagte schon ein weiser, kleiner grüner Mann?  „Möge die Kraft mit uns sein – wir werden sie brauchen.“

Wenn der innere Teenager die Turnstunde sprengt

Therapieland. Eine bunte Mischung aus Menschen, die alle irgendwie versuchen, ihr Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Der Plan für heute: Bewegung. Kein Ironman-Training, kein Crossfit-Marathon. Sondern: Gemeinschaftsspiele. Ein bisschen albern sein, den Körper spüren, zusammen lachen. Eigentlich eine nette Abwechslung zum ständigen Grübelkreis.

Soweit, so gut.

Bis er sich meldet. Der Protagonist in seiner eigenen Tragikomödie. Derjenige, der in seiner persönlichen Geschichtsschreibung immer der unschuldig Gekündigte ist (Spoiler: Wir haben da so unsere Zweifel).

Plötzlich, aus dem Nichts, mutiert der innere pubertäre Elfjährige-Trotzkopf. Nein, dieses Spiel spiel ich nicht mit! Wenn schon, dann Basketball! – Kollektives Augenrollen. 🙄

Was folgt, ist eine Meisterleistung im passiv-aggressiven Protest. Unser Held thront demonstrativ auf der Bank, das Handy als Schild und Schwert zugleich gezückt gegen die Gemeinschaft.

Doch oh Schreck! Der Therapeut ist nicht beeindruckt von dieser one-man-show. Die Ansage ist klar, sachlich und unmissverständlich: „Entweder Sie spielen mit, oder Sie entschuldigen sich offiziell für diese Einheit und verlassen den Raum.“ – ich persönlich vermisse ja so klare Ansagen öfters, ich glaube es würde bei vielen zum Therapie Erfolg beitragen oder Ihnen zumindest vor Augen führen – aktuell nicht Reha Fähig zu sein.

Und zack – die männliche Dramaqueen verlässt die Bühne. Die Tür fiel ins Schloss. Der Rest von uns? Spielte alberne Spiele. Und hatte verdammt nochmal Spaß.

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