Immer wieder sonntags…

Reha-Report: Sonntags-Gossip statt Gruppentherapie

Therapiefrei – oder wie man hier sagt: endlich Zeit für die wahren Heilungsprozesse, Zeit für die einzig wahre Wahrheit: den menschlichen inoffiziellen Gossip…

Da wäre zum Beispiel der männliche Kindergärtner, der beim Nordic Walken mit gespreizten Armen die Straße blockiert – als wäre er der letzte Schülerlotse des Planeten. Im Wald erinnert er alle, keinen Müll liegen zu lassen, und seine Playlist klingt vermutlich wie ein Kindergeburtstag auf Dauerschleife: von „Aramsamsam“ bis „Let it go“.

Dann der Möchtegern Handwerker Typ, der auf die Frage „Warum bist du eigentlich hier?“ ehrlich sagt: „Keine Ahnung, mein Psychiater meinte, das wär gut für mich.“ Komplexe Denkleistungen? (Spoiler: Fehlanzeige. Wie bei vielen hier.) In der Entwicklungsphase des Kindes hängen geblieben und nur in Randbezirken weiter entwickelt. (Sein Klemmbrett – mit dem Therapieplan – legt er scheinbar nur beim schlafen aus der Hand)

Das Mädls-Duo wiederum – anfangs eine seelische Siamesenzweiergemeinschaft im DZ. Die eine kannte die Ticks, Zwänge und Panikattacken der anderen schon fast biblisch, weil sie selbst, der Freund der Schwester der Mutter des Kaufmanns ihrer Tante oder der Hund vom Nachbarn das auch mal hatten.… (Ich war schon vor fünf Ecken beim dritten Verwandtschaftsgrad ausgestiegen.) Inzwischen: Trennung auf Zeit, weil eine ihr männliches Spiegelbild gefunden hat. Die Romantik lebt – nur halt getrennt, die harmonische Scheidung ist vollzogen. Platz für neue Zweisamkeiten, Ticks und Diagnosen.

Dann die fast 70-jährige Südamerikanerin –mit mehr Feuer als der gesamte Rest. Ihr größter Kulturschock in Österreich? Auf einer Party zu fragen: „Wann wird hier eigentlich getanzt?“ – Verwirrte Blicke – und nur Leichenstarre zu ernten.

Und schließlich das neu eingetroffene Seniorenpärchen. Sie: rollatorisch unterwegs, chronisch grantig. Er: stiller Satellit im eigenen Orbit. Kürzlich bei der Physio – Therapeutin legt ihm die Hand auf die Schulter und sagt freundlich: „Sie haben erst in einer Stunde Termin.“ Gehen Sie doch zu Ihrer Frau.“ Sein Lächeln erlischt in Zeitlupe. Sein Gesicht daraufhin: langsames Dahinschmelzen einer einst glücklichen Seele. Drei Schritte später: der innere Kampf. Ab ins Zimmer? Oder doch lieber einen Boxenstop im Café? Man sah ihn kämpfen – zwischen Rückzug ins Zimmer und Flucht in die Cafeteria.

Fazit: Der Sonntag in der psychiatrischen Reha ist mehr als nur ein therapiefreier Tag – es ist eine Bühne für die komischsten, seltsamsten und berührendsten Geschichten. Ob Kindergärtner, Handwerker oder feurige Südamerikanerin – jeder bringt seine eigene Note in das bunte Potpourri menschlicher Erfahrungen ein. Und während wir über unsere kleinen Macken lachen, schaffen wir es, den Alltag ein Stück weit leichter zu nehmen. Die echte Therapie findet eben doch sonntags statt. Und sie ist köstlich. Schließlich ist Humor die beste Therapie, die niemand verschreiben kann! 😁

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