Neulich in der Cafeteria: Unsere allseits beliebte, dauer-grantige Rollator-Lady feierte ein Jubiläum. Wir tippen auf Goldene Hochzeit. 50 Jahre. Oder, wie wir es hier nennen: „50 Jahre ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden…“
Während sie mit ernstem Blick Weisheiten und Geschichten aus dem Leben erzählte, zog ihr Gatte es vor, den Abend im Zimmer zu verbringen. Ins Bett. Um zu schlafen? Um nachzudenken? Oder einfach, um 50 Jahre Ehe gebührend zu zelebrieren: in Stille und mit Abstand.
Er hat 50 Jahre lang ihre Launen ertragen. Da hat er sich diese Auszeit redlich verdient. Sie bekam den Kuchen, er den Schlaf. Win-Win.
Es ist die wahre Liebe: Sie entlässt ihn gnädigerweise aus ihrer Gegenwart. Und er geht, ohne mit der Wimper zu zucken. Eine Symbiose, die nur 50 Jahre gemeinsame Kriegsführung erschaffen kann. Vielleicht ist das auch die wahre Eheweisheit nach einem halben Jahrhundert: Sie feiert, er regeneriert. Beide glücklich. Auf ihre Art.
Noch zehn Tage. 10 Tage in dieser Parallelwelt, in der fremde Menschen mit unterschiedlichsten Bruchlandungen des Lebens versehentlich in derselben Warteschleife gelandet sind. Noch knapp zehn Tage bis zum Entlassungs– äh… Ende der therapeutischen Vollpension.
Und zack – da ist er. Der eine. Der Sozial-Event-Organisator.
Und was macht die Gruppe, wenn der erste einen Anflug von Wehmut verspürt? Richtig. Er gründet eine WhatsApp-Gruppe.
Der Plan: Ein gemeinsames Abendessen. In einer Woche. Samstag. Als ob die täglichen Gruppentherapiesitzungen ohne Keksen nicht Nähe genug wären. Die demokratische Maschinerie kommt in Gang: Gutbürgerlich? Pizza? Griechisch? Eine Online-Abstimmung. 🗳
Doch dann – die Rettung! Zwei Mitpatienten haben schon abgesagt. „Treffe mich mit Freunden“, schreiben sie. Zwei kleine Helden des Alltags.
Halleluja – ich werde also nicht die einzige sein, die fehlen muss. (Wir Psychos wissen: sozialer Druck ist ein Trigger-Wort.)
Denn Hand auf die Reha-Moorpackung:
Es bleiben fremde Menschen, die sich sonst im Leben niemals hätten gegrüßt. Unser einziger gemeinsamer Nenner? Diese Reha. Ein Schnittpunkt wie die Kreuzung bei Regen: unangenehm, aber man muss halt rüber.🌧
Abendessen in der Reha-Bubble?🫧
Danke, aber ich habe da ein wichtiges Date mit meinem Nicht-Sozial-Sein. Und meinem Pyjama.
Prioritäten, Leute. (Mein Seelenfrieden ist gerettet.) 🍽🔥
Gruppentherapie: Wie vorhersehbar: ein Wiederkäuer-Meeting der Selbstbespiegler, natürlich besetzt mit Menschen, die sich selbst am liebsten im Dolby-Surround zuhören.
Zehn Minuten später: erster Tränendamm gebrochen.
Thema: „Ich falle anderen zur Last, ich will’s allen recht machen, ich glaub meinen Gedanken mehr als echten Menschen.“
Und wenn’s gar nicht mehr geht, bleibt sie im Bett – komplett funktionslos.
(An dieser Stelle schießt mir kurz durch den Kopf: Heißt das wirklich „zu nichts mehr fähig“? Also… auch nicht Klo? Trägst du dann Windeln? Oder schaffst du’s doch heimlich aufs Klo? Und checkst nebenbei WhatsApp am Handy? Aber ich bin ja die „Eiskönigin“ – unnahbar, frostig, emotionsarm – also sag ich’s nicht laut. ❄️)
Die Therapeutin versucht, sanft den Weg aus dem Bett herauszuleuchten – metaphorisch natürlich. Verstehend, nickend erklärt sie, dass es an ihr liegt, ob sie immer denselben Weg zurück ins Bett nimmt oder vielleicht mal… stehen bleibt.
Ob’s funktioniert? Unklar. Aber immerhin kein Gruppenschlaf angekündigt.
Zum krönenden Abschluss dann der Praxisteil: „Persönliche Grenzen erspüren“.
Es folgt die Übung „Nähe und Distanz“ – man soll sich gegenseitig annähern, bis man spürt, wo der persönliche Freiraum endet.
Mein Gehirn sofort: volle U-Bahn. Körperkontakt-Deluxe. Ich spüre vor allem eines: das Gefühl einer vollgestopften U-Bahn im Hochsommer. Oder, wie der Agraringenieur sagen würde: Schweinebauch an Schweinebauch – mit therapeutischem Mehrwert.
Fazit: Gruppentherapie. Man lernt fürs Leben. Oder für die U-Bahn.
Mein heutiges Einzelgespräch sollte vertreten werden. Ich nehme an, die umherspukenden Virenkolonien führen erfolgreich Blitzkriege in den Büros der Therapeuten. Das Ergebnis: Eine Vertretung. Man kennt das ja: gesucht und gefunden? Nein? Ich auch nicht.
Doch was dann geschah, war reine Magie. Diese Therapeutin war nicht aus Fleisch und Blut, sie war aus Esprit und Sarkasmus geformt. Spitzfindig, humorvoll, wortgewandt und gedankenschnell. Wir haben sofort gematcht. Ich ein offenes Buch, sie wie ein neugieriger Bibliothekar, der seltene Erstausgaben studiert. Nach fünf Minuten haben wir schon gelacht. Ich fühlte mich aufgehoben – Ich habe das Gefühl, sie mag mich – vermutlich hat sie mich schon für ihre geheimen beruflichen Forschungsnotizen katalogisiert. Studienobjekt „Fall Nr. 52: Der Sarkast mit dem Pokerface – eine Fallstudie.“
Natürlich überzogen wir. Natürlich kam ich zum ersten Mal zu spät zu einer anderen Therapie. Und ja: Es war mir ein inneres Volksfest.
So kam es, dass ich gerade noch rechtzeitig für die „Phantasiereise“ zu unserer persönlichen Insel in der Entspannungstherapie eintraf.
Ich kam mit einem Segelboot am Steg an, ging tiefer in die üppig wuchernde Landschaft und sah es: mein Haus. Außen gelb. GELB. Mein innerer Kritiker schüttelte den Kopf. „Insel, grün, Blau, und du nimmst GELB?“
Im Schlafzimmer stand immerhin ein Himmelbett mit Moskitonetz. (Wenigstens etwas Praktisches – kommentierte mein Unterbewusstsein) – praktisch und romantisch, Survival meets Pinterest. Ich streife noch durch die Küche, erkunde mein Eigentum, auf der Suche nach dem imaginären Apfeltiramisu, als die Stimme aus dem Off uns alle zurück ins Hier und Jetzt befahl.
Fazit: Virenkolonien expandieren, Therapeutinnen forschen, und mein Unterbewusstsein baut gelbe Ferienhäuser. Manchmal sind die besten Therapien die ungeplanten. Und manchmal ist die eigene Trauminsel einfach… gelb. Hauptsache, das Moskitonetz ist dicht.
Der Reha-Alltag hält ja so einige Prüfungen bereit. Heute: Der heilige Gral der Anwendungen. Eine Massage. Mit vorangegangener Moorpackung. (Für Uneingeweihte: Das ist, als würde man in warmen, therapeutischen Schlamm eingewickelt werden, bis man sich fühlt wie eine gut marinierte Gans.)
Normalerweise bin ich in solchen Wartezonen eine Festung der Unantastbarkeit. Während ich brav auf meinen Termin wartete – mein Pokerface wie immer auf „Bitte nicht ansprechen“ gestellt – passierte das Unfassbare: Zack! Wird meine Aura durchbrochen. Ein männliches Wesen spricht mich an. Freiwillig!
Smalltalk in freier Wildbahn!
Ob ich auch auf die Massage warte (nein, ich sitze hier aus Spaß und sammle Gang-Atmosphäre) ja, wie lange ich noch hier bin, welcher Buchstabe meine Gruppe hat … Ich habe Antworten gegeben. Mehr oder weniger freundlich. (Ich hoffe der Versuch zählt)
Dann öffnete sich wie durch göttliche Intervention, glücklicherweise die Tür zur Erlösung. Wir wurden getrennt. Jeder durfte in seine Kabine Zuflucht der sicheren Berührungen flüchten.
Fazit: Manche hier haben offenbar wirklich heftige Probleme. Denn normalerweise spricht mich mit diesem Gesichtsausdruck wirklich niemand an. ✔️ Moor, Massage und ein Hauch menschlicher Interaktion – Reha-Level: Sozialer Endgegner erledigt.
Beim Frühstück heute wieder charmant mit dem Küchenchef geflirtet.
Man muss ja seine Ressourcen kennen.
Zwischen Kaffee, Brot und therapeutischem Gruppenschnuppern frage ich ihn beiläufig nach den Rezepten für das göttliche Apfeltiramisu und das sündhafte Schokoladen-Mousse.
Er lehnt sich vor, als würde er mir Staatsgeheimnisse verraten: „Schreib mir einen Zettel. Oder einen Brief. Gib ihn einer Servicekraft. Und ich lasse dir die Rezepte ins Therapie-Postfach bringen.“
Challenge accepted.
Und weil ich natürlich nicht einfach „Bitte Rezept“ kritzle wie ein hilfloser Zivilist, sondern literarisch voll eskaliere, habe ich den inneren Cyrano de Bergerac beschworen. Theatralisch, dramatisch, emotional überzuckert.
Jetzt warte ich wie ein Dessert-Spion auf diskrete Post. Sollten diese Rezepte eintreffen, war’s ein kulinarischer Triumph.
Wenn nicht…
muss ich wohl doch länger bleiben. Rein therapeutisch, versteht sich 😉
Der Morgen begann verheißungsvoll: Morgenaktivierung im Turnsaal. Stellen Sie sich Bier Ping-Pong vor, aber von der Caritas adaptiert. Keine Becher, kein Bier. Stattdessen: Sechs bunte Hula-Hoop-Reifen auf dem Boden und Säckchen, gefüllt mit… na, sagen wir mal therapeutischem Reis. Das Ziel: Aus schwindelerregender Distanz sein Gefühl für Koordination und Entfernung zu verlieren.
Ich, der geborene Überflieger, traf erstaunlich oft. Meine Gruppe gewann. Die logische Folgefrage der Verlierergruppe: „Warst du in einem früheren Leben vielleicht ein Assassine?“ Warum nur? Vielleicht, weil meine einzige überlebenswichtige Fähigkeit darin besteht, kleine Reissäckchen in bunte Ringe zu werfen. Bezahlte Morde wären wohl etwas anders.
Schlagabtausch im Sesselkreis – oder ein verbales Scharmützel
Dann: Der Hauptakt. Heute unser Vertretungs-Therapeut, der beliebte „Heulsusen-Produzierer“, Der, den alle lieber hätten, Charmant, ruhig, stylisch gekleidet – und mit dieser gefährlichen Neugier, die Psychologen so an sich haben, wenn sie glauben, sie hätten dich gleich durchschaut.
In der heutigen Gruppenrunde sprach eine Mitpatientin über ihren „inneren Käfig“ – Tür weit offen, aber keine Ahnung, was draußen eigentlich Spaß machen soll. Klingt wie ein Escape Room ohne Anleitung. Und natürlich driftet die Reise dann zurück in die Volksschulzeit, die psychologisch gesehen offenbar die Ikea-Fundgrube der kaputten Möbel ist: irgendwas passt immer.
Kaum erwähnt sie ihre Kindheit, zack, springt mein inneres Kino an:
Szene: Volksschule. Lehrer – älter, dicklich, ohne pädagogische Ausbildung (also quasi qualifiziert für alles außer Kinder). Er stößt sich den Kopf am offenen Fenster. Ein Mitschüler und ich lachen. Laut. Falsch.
Strafe folgt auf dem Fuß – wortwörtlich. Wir werden vor die Tafel befördert und jeder bekommt eine Ohrfeige. Meine erste und letzte im Leben. Gratislerninhalt inklusive: Lachen in der Öffentlichkeit = Gefahr. Tja … vielleicht wurde ich da konditioniert wie ein schlecht programmierter Wachhund: „Ernst bleiben, lächeln nur im Innenraum.“ Und jetzt, Jahrzehnte später, sitze ich in der Reha und frage mich ernsthaft, ob ich diesen uralten Systemfehler immer noch mit mir herumtrage? 🤔
Dann versucht sich der „Ersatz-Therapeut“ wieder mal an mir. Ein klassisches Verhör:
Dann versucht sich der „Ersatz-Therapeut“ wieder mal an mir. Ein klassisches Verhör:
Er: „Was machen Sie hier?“
Ich: „Leute beobachten.“
Er: „Und was machen Sie hier wirklich?“
Ich: „Draufkommen, dass meine Probleme das Level ‚für Anfänger‘ haben im Vergleich zum Rest der Runde.“
Er: „Warum sind Sie dann noch hier?“
Ich: „Wegen des guten Essens, der Luftveränderung, der netten Menschen.“
Er: „Da könnten Sie ja heimfahren.“
Ich: „Nein! Ich weiß ja nicht, was noch kommt!“ (Das ist Reha-Roulette, Leute!)
Er: „Was macht Ihnen denn Spaß?“
Ich: „Menschen beobachten. Und Sarkasmus.“
Gerade als er zur nächsten Analyse ansetzen wollte, meldet sich jemand aus der Gruppe zu Wort – und rettet ihn (oder mich?) vor der nächsten Runde. Das verbale Duell war köstlich. Ich, fast fließend in Sarkasmisch. Er, sichtlich amüsiert über den lebenden Beweis, dass seine Methoden nicht bei jedem ziehen. Es begann, Spaß zu machen.
Therapieziel des Tages: Man wirft mit Reissäckchen, wird als Attentäter verdächtigt und duelliert sich mit Therapeuten – verbaler Sieg durch Ablenkung. Ein offener Käfig ist nur dann Freiheit, wenn man sich traut rauszugehen. Und manchmal muss man erst lernen, dass Lachen kein Verbrechen ist. (Außer in der Volksschule von damals. Da war’s eindeutig Hochverrat.) Eine Reha, die sich nicht mit Lapalien aufhält.
Bei der Morgenaktivierung erstmal eine gepflegte Runde Tischtennis – 30 Minuten Spiel, Spaß und ein paar freche Sprüche inklusive. Danach ging’s zum wohlverdienten Frühstück, heute sogar mit kleinen Croissants. Ich sage euch, diese kleinen Teigstücke sind wahrscheinlich die geheime Waffe gegen jegliche Müdigkeit. Wer braucht schon Psychopharmaka, wenn man ein frisches Croissant vor sich hat?
Um 9 Uhr dann Vortrag zum Thema Schlafgesundheit – wieder bunt gemischtes Publikum (eine wahre Wundertüte aus verschiedenen Therapiegruppen). Wir lernten, dass nächtliches Aufwachen kein Drama ist, solange man wieder schnell einschlafen kann, und dass Tiefschlaf, REM-Phasen und Traumlosigkeit völlig normal sind.
Manche machten sich Sorgen, weil sie sich nicht mehr an ihre Träume erinnern – Spoiler: auch das kann man wunderbar überanalysieren.
Und natürlich kam sie wieder, die eine Frage, die garantiert nur einer stellen kann (Fehlanzeige bzgl. komplexer Denkleistungen – ihr wisst wem ich meine): „Warum kann ich nicht weiter schlafen, wenn ich gerade von einer nackten Frau geträumt habe?“ (ich hätte gerne geantwortet, „weil dir sogar im Traum die Frauen davon laufen“ – ich übe mich jedoch in Abgrenzung und habe geschwiegen!) Daraufhin wurde kurz das luzide Träumen erklärt – und einige nahmen sich innerlich vor, das zu üben. (ich vermutet es wäre wegen der nackten Frau…)
Nach all diesen – sagen wir mal, aufregenden – geistigen Anstrengungen waren wir bereit für die nächste Runde des „Was tun wir hier eigentlich?“, auch bekannt als kreativ-chaotische Musiktherapie. Die Aufgabe war klar: Eine Person verlässt den Raum, und der Rest der Gang versucht, ihre Persönlichkeit in Klängen darzustellen. Ich kann nur sagen, dass das Resultat irgendwo zwischen einem Orchesterprobenchaos und einer schrecklichen Karaoke-Nacht lag. Es gab zarte Töne, wilde Trommelwirbel – und natürlich das unvermeidliche innere Chaos (musikalisch erstaunlich einfach umzusetzen). Als es dann endlich Zeit für das Mittagessen war, waren wir alle sehr dankbar – für das Essen und dafür, dass das Chaos vorüber war! Jetzt bitte einfach nur noch Essen – und Stille, soweit es in einem Speisesaal möglich ist.
Nordic Walking & achtsames Klangchaos – ein Tag zwischen Waldweg und WC-Geräuschen
Das heutige Nordic Walking war mal wieder weniger „Nordic“ und mehr „Spaziergang Deluxe“. Eine Gruppe tapferer Rehapatienten, geführt von dem einen, der den Weg tatsächlich kannte – dem Trainer. Nach etwa 50 Minuten flottem Marsch über Asphalt, Laub und matschige Waldwege kamen wir leicht verschwitzt, aber stolz, wieder am Ausgangspunkt an. Orientierung: bestanden.
Kurz unter die Dusche, frische Wäsche – und weiter in die Achtsamkeitstherapie. Thema heute: „Geräusche, die wir mögen.“ Von Föhnrauschen über Staubsauger-Symphonien bis hin zum „einarmigen Banditen beim Jackpot“ war alles dabei.
Dann die Aufgabe: 10 Minuten raus, Ohren auf, Welt anhören. Von Autobahnlärm bis Vogelgezwitscher war alles im Programm – und natürlich wieder ein Joker in der Runde. Dieser beschrieb voller Hingabe die Geräuschkulisse seines Toilettengangs – vom Wasserlassen über die Spülung bis hin zum heroischen Finale beim Händetrocknen. (ich wiederhole mich ungern, jedoch hier ist sie wieder die eingeschränkte Denkleistung)
So vergeht ein Tag in der Reha: Mit Croissants, chaotischen Klängen und philosophischen Fragen über den Schlaf, die uns wahrscheinlich noch lange verfolgen werden. Ich sag’s mal so: Achtsamkeit ist jetzt für mich auf ganz neuen Frequenzen angekommen. Aber hey, solange wir dabei einen guten Spaß haben, ist das doch das Wichtigste, oder? 🤣
Immer wieder mittwochs … der Tag, an dem die Reha kurzzeitig zur Großstadt wird. Ab 6:30 Uhr herrscht hier reges Treiben – ein Mix aus Kofferrallye, High-Heel-Parade und Abschiedstränen-Express.
Die einen machen sich nach sechs „verhängnisvollen“ Wochen (voller Gruppentherapie, Morgengymnastik und NADA-Nadeln) auf den Weg zurück ins „normale“ Leben (viel Glück dabei!), während die anderen voller Hoffnung und unglückseliger Vorfreude für ihre eigenen sechs „verheißungsvollen“ Wochen einchecken.
Der Gang klingt wie ein Fashion-Week-Laufsteg mit Schuhen, deren Absätze so penetrant sind, dass ich schon fast die Gedanken der Leute hören kann. („Sind das wirklich die besten Schuhe für eine psychiatrische Reha?“) Und währenddessen höre ich Rollkoffern, die sich wie in einem unerbittlichen Rennen um die Ecke biegen – eine regelrechte Koffer-Rallye! Kurzfassung: am Flur klackern die Schuhe, Trolleys rollen, Türen schlagen – und ich? Ich sitze stolz wie Oskar, stoisch da, mit meinem unbezahlbaren Morgen-Gesicht, und halte tapfer durch. Ohne Kaffee. Noch!
Ich schwöre, wenn es eine Reha-Medaille für „Lärmresistenz vor dem ersten Koffein“ gäbe – ich hätte sie heute längst verdient. ☕🐦
Ah, die allseits beliebte Morgenaktivierung – 8 Uhr früh, 12 Teilnehmer auf dem Plan, tatsächlich erschienen: ganze 6. Also quasi volles Haus! Heute gab’s das legendäre Karten-Spiel: Jeder zieht drei Sportarten und muss sie ohne Worte darstellen. Eine Mischung aus „Activity“ und Pantomime für Fortgeschrittene. Es wurde gelacht, gestikuliert und wild gehüpft – manche Bewegungen hätten locker als moderne Kunst durchgehen können.
Ich hab mich tapfer geschlagen und den 2. Platz im Sportarten-Raten ergattert. Nicht schlecht für jemanden, der eigentlich nur hier ist, weil sein Therapeut gesagt hat: „Sozialisierung ist wichtig. “Fazit: Körperlich halb wach, geistig immerhin auf dem Siegertreppchen. Für 8 Uhr morgens gar nicht so schlecht!
Psychiatrische Visite – Entspannung auf Rezept
Nach der sportlichen Früherziehung aka Morgenaktivierung ging’s weiter zur psychiatrischen Visite – klingt dramatisch, war aber erstaunlich entspannt. Ich berichtete brav von der wohltuenden NADA-Akupunktur: zwei kleine nächtliche Aufwachmomente, aber sofort wieder eingeschlafen. Keine Uhrzeit gemerkt (was sonst ja fast olympische Disziplin ist), dafür ein wunderbar erholsames Gefühl beim Aufwachen. Das ist der eigentliche Beweis für ein Wunder. Mein Gehirn, sonst ein akribischer Protokollant des eigenen Versagens, hat einfach den Stift fallen lassen.
Kurz gesagt: Mein Körper im Zen-Modus, mein Geist auf Urlaub – und die Visite? Überraschend angenehm. Wenn das so weitergeht, beantrage ich Dauerentspannung auf Rezept.
Fitnessraum & Gruppendrama
Von 9 bis 10 stand Bewegung im Fitnessraum auf dem Plan – klingt sportlich, fühlte sich aber eher nach „aktiver Erholung“ an. Ich habe 30 Minuten gemütlich den Hometrainer warmgehalten, während mein Kreislauf noch diskutierte, ob er schon richtig wach ist. Danach gab’s Knöcheltraining deluxe. Das Highlight meines Tages. Ich balanciere auf Luftpolsterkissen und Kippbrettern wie eine nervöse Gazelle auf Glatteis. Das fördert nicht nur die Stabilität, sondern auch die Demut.
Geduscht, umgezogen, durchgeatmet. Ab halb elf: Gruppentherapie.
Die heutige Therapeutin in Vertretung hatte frische, spannende Ansätze. Wirklich. Fast hätte ich mich begeistern können. Doch dann, gegen Ende, kam er wieder. Der Evergreen. Der Dauerbrenner. Der Konflikt zwischen dem Freund und der Freundin und deren Zimmerkollegin. – Von der spreche ich: Die, deren Mutter deren Tante deren Frisör das auch einmal hatte…
Ich saß da, auf meinem Stuhl, gestärkt durch Akupunktur und Luftpolsterkissen, und dachte nur: Manche Probleme sind einfach zeitlos. Wie Steuern. Oder Bahnverspätungen. Es war, als ob man einem Seifenoper-Marathon beiwohnt, bei dem niemand den Aus-Knopf findet.
Fazit des Tages: Bewegungseinheit für den Körper – und Seifenoper für die Seele. Meine Knöchel werden stabiler, aber die Dramen meiner Mitpatienten sind es schon immer. Es ist tröstlich, dass es in dieser Welt noch einige Konstanten gibt.
Jetzt bin ich reif für die Mittagspause. Und die ist heilig.
Feuertaufe des Drachen 🐉
Heute in der Ergotherapie! Man könnte meinen, ich wäre hier, um meine inneren Dämonen zu bekämpfen, aber stattdessen habe ich meinen eigenen Drachen 🐉 erschaffen. Ja, Sie haben richtig gehört – während andere mit ihren Ängsten kämpfen, verwandle ich einen farbenfrohen Kerl in ein Kunstwerk. Mein Drache hatte seine große Feuertaufe – und hat sie als ganzer überlebt! Das sogenannte Ei, auf dem er majestätisch thront, wurde erst schwarz grundiert und dann am Waschbecken wieder halb „entfärbt“ – mit Schwamm (ja, der beste Freund jedes Kunstschaffenden!) und künstlerischem Chaos. Ziel: eine braun gesprenkelte Optik, irgendwo zwischen antikem Artefakt und schokoladigem Überraschungsei.
Damit beim späteren Räuchern kein Ruß das noble Innenleben schwärzt, bekam das Tierchen natürlich auch noch eine edle Klarlackbehandlung – innen und außen, (Oh ja, das Schutzschild gegen unschöne Ablagerungen! Wie in einer guten alten Märchenstunde wird hier nichts dem Zufall überlassen.) wie es sich für einen Drachen von Welt gehört. Die Zeit begann jedoch zu drängen. Also schnappte ich mir im Wilden Westen des Farbkastens eine smaragdgrüne Farbe. Ich schaffte noch eine Schicht Smaragdgrün (gesprenkelt, versteht sich) für die Schuppen.
Drei Schichten müssen’s insgesamt werden, bevor der Gute wieder in den Ofen darf. Ich sag’s euch: Das wird ein farbenfroher Feuerdrache – oder ein sehr stylisches Reha-Souvenir. 🔥🤣 PS: meiner psychedelischen Rächer-Katze konnte ich heute leider keine Zeit widmen.