Heute auf dem Stundenplan: medizinisches Sammelsurium mit Unterhaltungswert.

Die allgemeinmedizinische Visite brachte beruhigende Nachrichten: Meine Blutwerte sind langweilig normal – was in Reha-Sprache wohl so viel heißt wie „Sie leben noch, weiter so“. Für mein noch immer beleidigtes Sprunggelenk (Knöchel) wurde physikalische Therapie verordnet, – das Standardrepertoire.

Spannender wurde es beim Rücken. Drei Massagen inklusive Moor-Anwendungen wurden bewilligt. Ich werde also bald weich und geschmeidig wie ein Sumpfwesen sein. (Warum muss mein Gehirn ausgerechnet jetzt an die Sumpfhexe aus dem Film „Die Legende“ 1985; denken 🤔)

Das EKG allerdings scheint ein wenig Drama zu lieben und entwickelte sich zum Krimi. Es bringt mit all seinen Hebungen, Senkungen und Zacken einen mysteriösen Verdacht auf das Papier, nämlich angeblich zeigt es nicht ganz klar ob es auf einen möglicherweise längst vergessenen Infarkt aufmerksam machen will.

Sollte das stimmen, habe ich dieses Ereignis offenbar erfolgreich verpennt oder war gerade mit anderen Prioritäten beschäftigt. 🤷‍♀️ Ein Internist soll dem Geheimnis irgendwann einmal auf die Spur kommen.

Atmen auf Rezept:

Bei der geführten Reise zur inneren Couch stresste mich am meisten (neben dem lauten Atmen, oder das Schnarchen Einzelner aus der Chaosgruppe) mich auf meine Atmung zu konzentrieren.

Garantiert das ich immer dann gerade beim Einatmen war, wenn die Stimme gerade die Anweisung Ausatmen gab. Ergo war dann in meinem Kopf wieder ein großes weißes Kaninchen (wie aus die Chroniken von Alice Finsternis im Wunderland) herum hoppelnd mit nervösen Blick auf seine Taschenuhr und der Aussage „Zu spät, zu spät – und trotzdem mittendrin im Wunderland.“

Die Sportstunden oder angeordneter Körpereinsatz gegen Kopfgewitter. 🤪

Die morgendliche Vollversammlung der Überforderung, auch liebevoll „Morgenaktivierung“ genannt, eine Horde seelisch Angeschlagener, in einem Raum, mit verhaltenem Optimismus.

Unser Gruppenleiter, strahlt eine Energie aus, für die der Rest von uns mindestens zwei Tassen Kaffee und einen Kleinen Exorzismus bräuchte. Sein Job: Uns in 25 Minuten von schlafwandlerischen Zombies in funktionierende Mitglieder der Gesellschaft zu verwandeln. Ein ambitioniertes Ziel.

Wenn die Triangel um Gnade klingelt – Musiktherapie im Überlebensmodus“

Musik soll ja heilen. In der psychiatrischen Reha bedeutet das offenbar: Wir sperren zehn unmusikalische Menschen (von zwölf) mit einem Kasten voller Rasseln, Trommeln, Schlagwerk (Log Drum), Tongue Drum, eine Harfe, Kalimba und Xylofon in einen Raum – und schauen, wer zuerst zusammenbricht.

Kaum öffnet sich der Instrumentenschrein, herrscht Endzeitstimmung. Alles klappert, klimpert und scheppert, als würde ein Kindergartenorchester mit Koffeinüberdosis gegen eine Mülltonnenbrigade antreten. Es grenzt an ein medizinisches Wunder, dass einem bei dieser Geräuschkulisse nicht das Blut waagrecht aus beiden Ohren spritzt.

Die Instrumente selbst wirken traumatisiert. Die Trommel weint leise in der Ecke, die Rassel zittert, und das Xylophon hat schon nach zehn Minuten einen Nervenzusammenbruch. Wäre sie lebendig, sie hätte längst um Asyl in der Klangschalentherapie gebeten.

Die Therapeutin dagegen lächelt selig und sagt Dinge wie: „Lasst die Klänge fließen!“

Ja, bei mir fließen sie direkt in meinem Schmerzbereich hinter der Stirn.

Nach 45 Minuten kreativer Geräuschkatastrophe herrscht betretenes Schweigen. Nur der Gong klingt noch nach – vermutlich bis zur nächsten Therapieeinheit.

Aber gut: Irgendwie hat es doch gewirkt. Ich fühle mich befreit.

Vor allem vom Glauben, dass Musik immer etwas Schönes ist.

Frühstück mit Flirtfaktor

Neulich beim Frühstück – ein Ort, an dem die Komplexität der menschlichen Psyche auf die schlichte Kunst des Kochens trifft. Unser Chefkoch, ein Mann mit einem Herz aus Gold (oder vielleicht war es auch einfach nur der Sahneanteil seiner letzten Kreation), kam einmal mehr aus seiner Küche heraus, um sich nach uns zu erkundigen.

Er schaute mich an – (Spoiler: Ich hatte das klassische „Red mich nicht an, bevor ich meinen ersten Kaffee hatte“-Gesicht aufgesetzt.) Als er mich aufforderte, nicht so zu schauen, musste ich schnell meine Maske des charmanten Lächelns aufsetzen und ihm erzählen, wie sehr ich ihn anhimmle. Schließlich bewundere ich jeden Mann, der es wagt, in einer Küche zu zaubern.

Sein überrascht-verwunderter Gesichtsausdruck war unbezahlbar, als ich in einem waghalsigen Moment den Satz hinzufügte, dass er ein Mann zum heiraten wäre, wenn er auch noch die Fenster putzen könnte….

Er lachte nervös und teilte mir daraufhin mit, dass genau das seine Frau regelmäßig von ihm verlangt – Kochen, Putzen, Boden wischen. Ich glaube, ab da war das Maß an freundlicher Konversation erreicht.

Das ist der Moment, in dem ich innerlich bereits die nächste süße Verhandlung plante. Schließlich weiß ich, dass in Sachen Süßspeisen kein Pardon existiert – vor allem nicht in der Reha, wo jeder ein bisschen mehr Zuckerguss auf seine psychische Gesundheit geben möchte.

Ich kann nur hoffen, dass mein nächster Frühwarnblick beim Frühstück nicht in einem schaumigen Missverständnis endet. Fazit: Beim Frühstück geht’s hier zu wie in einer Soap – nur mit mehr Kaffee und weniger Happy End beim Dessert. ☕️ Vielleicht beim nächsten Mal einfach einen Kaffee mehr – für den Chefkoch und für mich. Prost! ✨

Nordic Walking

Die Flucht nach vorn (aber mit Stöcken) war manchmal gefühlt eine Mischung aus Jungle Camp und McGyver, also Überlebenstraining für Leute mit Restwahnsinn (like me;)

Der Kontakt mit der Natur erfolgte bei jedem Wetter, was das Erlebnis für mich auch nicht prickelnder machte – it was too late to tune up for my performance.

Konzentrations-Zirkus

Beim Konzentrations-Zirkus ging es öfters um theoretisches, sein oder nicht sein – oder eher Sein oder Schein, wer weiß das schon so genau.

Das Körper, Psyche und das soziale Umfeld sich beeinflussen war mir spätestens seit dem Zeitpunkt bekannt, als ich mir einen Finger ein zwickte, und ohne Vorwarnung sofort Wasser in die Augen schoß, mir aufgrund des Schmerzes und den Anwesenden aufgrund des gebotenen Spektakels und der gesunden Schadenfreude.

Seelenwartung fällig

Die Quiz-Frage: „Was haben ein übereifriger Ficus Benjamin, ein kaputter Toaster und ich gemeinsam? Richtig: Wir waren alle kurz davor, einen Kurzschluss zu bekommen.

Und deshalb habe ich freiwillig einen Aufenthalt in die Werkstatt für menschliche Seelen, auch bekannt als psychiatrische Reha-Klinik, angetreten.“

📝Bericht über die erste Woche im Reha-Aufenthalt – sachliche Infos ℹ️

Aufnahmetag (Geplant: 7:45 Uhr)

· Nach der Ankunft erfolgte die Übergabe einer Infomappe.📓
· Im Anschluss wurden die ärztliche und die pflegerische Anamnese durchgeführt.🗂

📌Unterbringung: Das Thema Zimmer
Leider stehen offenbar nicht genügend Einzelzimmer zur Verfügung, um diese von Beginn an allen Patientinnen und Patienten zuzuteilen. Die Zuteilung eines Doppelzimmers zu Beginn einer Rehabilitation ist aus heutiger Sicht kaum mehr zeitgemäß. Die Idee, dass man sich nach den ersten 14 Tagen für die verbleibende Zeit bewusst für die Gesellschaft in einem Doppelzimmer entscheiden oder in ein Einzelzimmer wechseln könnte, stößt auf gemischte Reaktionen:

· Einige Patientinnen und Patienten reisen deswegen sofort wieder ab.
· Andere bekommen während der ärztlichen Anamnese eine Panikattacke und erhalten daraufhin ein Einzelzimmer.
· Wieder andere fügen sich in die Situation, üben sich in Rücksichtnahme und versuchen, ihren Fokus auf die Therapieangebote und ihre Heilung zu legen.

📌Erstinformationen & Organisatorisches

· Diätologie: Eine erste diätologische Information fand mittags im Speisesaal statt.
· Allgemeines: Es folgten ein Begrüßungsvortrag, eine Hausführung und erste pflegerische Informationen.
· Pflegestützpunkt: Jede Person muss sich einmal täglich zwischen 19:30 und 21:45 Uhr persönlich am Pflegestützpunkt melden.
· Essensanmeldung: Die Anmeldung für das Mittagessen erfolgt immer eine Woche im Voraus über farbige Namenskärtchen:
· 🔴: Doppelte Portion
· 🔵: Normale Portion
· 🟡: Halbe Portion
· 🟢: Diätmahlzeiten (vermutlich ärztlich angeordnet oder intolerants)
· Therapiefach: Jeder Patient hat ein mit der Zimmernummer gekennzeichnetes Fach, das täglich kontrolliert werden muss, da Therapieänderungen auf diesem Weg kommuniziert werden.

📌Vorträge in der ersten Woche

· Rehaziele
· Mythen der Ergotherapie
· Die heilende Wirkung der Natur
· Gesunde Ernährung

📌Meine Therapien im Überblick📋

· Morgenaktivierungsgruppe
· Psychotherapeutische Basisgruppe
· Entspannungsgruppe
· Fokusgruppe
· Ergotherapie-Gruppe
· Nordic Walking
· Reflexionsgruppe
· Bewegungstherapie
· Gesprächstherapie (6 x 50 Minuten Einzeltherapie)
· Musiktherapie
· Achtsamkeitsgruppe
· Sozialarbeit (Erstberatung, einmalig 30 Minuten)

Teilnahmepflicht
Die Teilnahme an allen Therapien ist verbindlich. Eine Entschuldigung ist nur nach vorheriger Rücksprache mit dem Pflegepersonal oder dem Arzt möglich.

Entschuldigung wegen Kopfschmerzen etc gehören zur Kategorie Selbstfürsorge.

…der Morgen danach…mit leerer Batterie und Sonnenbrille im Supermarkt 🐰🛒

…Der Morgen nach dem Dienst. Ich fühle mich wie dieses hyperaktive Werbe-Häschen mit den Batterien im Hintern – nur dass meine längst leer sind und ich trotzdem weiterrenne. Noch schnell das, noch jenes… und zack, 10 Uhr. Schlafen? Oder einkaufen, bevor die Sonne mich grillt? Natürlich einkaufen.

Blöderweise hatten anscheinend ALLE dieselbe Idee. Grelles Licht, bunte Regale, Lärmpegel wie auf einem Volksfest – ich wollte am liebsten drinnen die Sonnenbrille auflassen. Endlich an der Kasse, Gewissen wach, Hirn im Standby. Ich zahle, die Kassiererin schaut mich an – irritiert. Noch ein Blick auf den Betrag… und Schockmoment: Ich hab ihr zu wenig gegeben!

Blitzartig peinlich berührt, reiche ich den fehlenden Schein nach. Sie lächelt verständnisvoll: „Ach, das kann vorkommen.“ Die Dame hinter mir meint mitleidig: „Das ist sicher wegen dem Wetter.“ Äh – nein, Schlafentzug deluxe. Jetzt hatte ich das Mitleid beider Seiten sicher.

Sonnenbrille auf, Einkauf gepackt, Gang zur Haustür im Zombie-Modus. Und dann: Stille. Dunkelheit. Schlafkoma. Akkus leer. Mission erfüllt. 😴

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