Therapeutentausch mit Nebeneffekten – Drachen-Quest?

Die Gruppentherapie – der Ort, an dem Flow ein Fremdwort ist und Pünktlichkeit plötzlich zur Olympischen Disziplin wird. Heute hatten wir den Ersatz-Therapeuten, den alle so toll finden, „viel besser“ empfinden als unsere derzeitige. (Die, nebenbei bemerkt, ich eigentlich ganz okay finde.) . Warum? Weil er Regeln hat. Kein Trinken, kein Pinkeln, kein „Ich bin geistig schon beim Mittagessen“. Klar, wer will schon Unterbrechungen, wenn man stattdessen die 37. Wiederholung von „Meine ADHS-Zwangsgedanken-Panikattake-Diagnose und ich“ hören darf? Denn wie erwartet, kamen wieder die üblichen Akteure auf die Bühne des seelischen Schauspiels und präsentierten ihre „Probleme“ und Diagnosen – Spoiler: langweilig. Ich war beschäftigt. Ich begann, die Ösen seiner Turnschuhe zu zählen. 14 pro Schuh. – höchste Konzentration. Danach widmete ich mich dem Stofftapetenmuster an der Wand gegenüber. (Kunsttherapie? Check.)

Gerade, als ich tief in meinem La-La-Land versunken war – ein angenehmer Ort, übrigens –, holte mich der Therapeut mit der Frage „Wo sind Sie gerade?“ aus meinem Drachen-epischen Tagtraum brutal ins Hier und Jetzt riss er mich zurück.
Nach einem kurzen Moment des inneren Widerstands sagte ich ehrlich: „Das wollen Sie jetzt nicht wissen, weil das ist nicht jugendfrei.“

Er blieb hartnäckig.
Also erzählte ich ihm meine jugendfreie Version: Drachen, Schwert mit Glitzersteinen, ein bisschen Fantasy-Light. Mehr ging einfach nicht – mein Kopfkino hat halt eine strenge Altersbeschränkung.

Fazit: Manchmal frage ich mich, ob das in der Reha alles Teil des Plans ist: die Grenze zwischen Therapie und Impro-Theater bewusst verschwimmen zu lassen. Wenn ja – Chapeau. Ich buche gern die nächste Vorstellung. Scheinbar ist die Reha manchmal einfach ein schlecht synchronisierter Fantasy-Film. Und wir? Die Statisten, die eigentlich nur auf die Pause warten. 🐉✨

wie ich meine Muskeln kennenlernte, die ich nie wollte

Physiotherapie in der Reha – klingt harmlos, oder? Bis man merkt, dass Gleichgewicht nicht nur im Kopf, sondern auch in den Füßen wohnt. Im Grunde sind es ganz einfache, wirklich leichte Übungen. – Sagen sie. – bis man auf einem dieser runden Kipp-Bretter steht, die aussehen wie halbe Gummibälle, erfunden von jemandem, der eindeutig zu viel Freizeit und sadistische Tendenzen hatte.
Die Realität: Ich habe heute Muskeln aktiviert, von deren Existenz ich nicht einmal eine vage Vermutung hatte – und die sich anscheinend alle in meinen Füßen verstecken. Diese neue Bekanntschaft verdanke ich ausschließlich meinem beleidigten Knöchel, der beschlossen hat, beim ersten Kippversuch demonstrativ nachzugeben (heuer Ende Juni). Danke dafür, Körper. Aber hey, immerhin weiß ich jetzt, dass ich Muskeln in meinen Füßen habe. Oder an meinen Füßen. Oder irgendwo in der Nähe. Wer weiß das schon?

Fazit des Tages: Ich bin kein Zirkusartist, aber ich habe definitiv neuen Respekt für jeden, der auf einem Ball stehen kann, ohne sich selbst zu demütigen. Nächstes Mal nehme ich einen Helm mit. Oder vielleicht einfach einen Sessel.

Aber hey – Reha bedeutet ja Wachstum. Heute eben muskulär. Und morgen vielleicht emotional. Vorausgesetzt, ich kann wieder stehen.

Die Allgemeinärztliche Visite – Ein Meisterwerk der Zeitdehnung

Heute war es wieder soweit: die allgemeinärztliche Visite. Ein Ereignis, das so spannend ist wie ein Behördengang, aber mit mehr Smalltalk. Mein Auftrag? Einen offiziellen Ausgang für kommenden Freitag ergattern, um die Klinik für „dienstliche Zwecke“ zu verlassen. Klingt nach einer Sache von zwei Minuten, oder? Falsch gedacht.

Da sitzt er, der Allgemeinmediziner. Der Arzt, den man sich privat wünscht – immer Zeit, immer ein Lächeln, immer eine Geschichte auf Lager. Er plaudert, erzählt von seinem letzten Urlaub, fragt, ob ich schon mal in Timbuktu war (nein, noch nicht), und ich? Ich nicke höflich, während ich innerlich die Sekunden zähle.

Acht Minuten. Acht. Minuten. Für einen Ausgang, der in einem Satz hätte erledigt sein können. Aber nein, hier wird jede Sekunde zelebriert wie ein kleines Kunstwerk. Effizienz? Fehlanzeige. Zeitmanagement? Ein Fremdwort. Ein Allgemeinmediziner, der aus acht Minuten eine epische Reise macht. 😅

Stachelige Entspannung purJetzt wird’s spitz!

Heute war’s endlich soweit: Die Nadel-Stichaktion! Und nein, es handelt sich nicht um ein geheimes Reha-Ritual oder ein neues Tattoo-Piercing-Angebot – sondern um NADA-Akupunktur. Fünf Nadeln ins Ohr für mehr innere Ruhe. Klingt nach Folter, ist aber (angeblich) Entspannung pur.

Nach einer kurzen Einweisung mit Ohrmodell (wer braucht da schon Netflix?), geht’s los: Sechs Patienten, zwei Ohren, unzählige Desinfektionstücher. Jeder reinigt sich tapfer die eigenen Ohrmuscheln – wie Profis im Selbstversuch. Dann kommt die Pflegekraft mit der Präzision eines Uhrmachers und zack zack zack, fünf Nadeln pro Ohr. Rechts: „Aua!“, links: „Oh, da war was?“ – perfekte Balance also.

Dann wird das Licht gedimmt, absolute Ruhe. Kein Pieps, kein Rascheln, kein Handy – einfach nur 30 Minuten kollektive Entspannung. Ich spüre, wie in meiner linken Gehirnhälfte ein wohliges Kribbeln aufsteigt – wie Gänsehaut mit Happy-End. Sanfte Entspannungswellen durchfluten mich, ich schwebe zwischen Erleuchtung und Nachmittagsschlaf.

Nach der halben Stunde: Licht an, Nadeln raus, Reality-Check. Die Pflege serviert den legendären NADA-Tee mit Hopfen, Minze und – kein Witz – Katzenminze etc. Vermutlich, damit wenigstens jemand danach richtig aufblüht.

Mein Fazit: Ich bin jetzt offiziell tiefenentspannt, leicht sediert und kurz davor, mit meinem Kissen eine feste Beziehung einzugehen.
NADA? Von wegen nichts – das ist Nadel-gestützte Nirvana deluxe!

Reflexionsgruppe – die hohe Kunst des Augenrollens

Nach der wohltuenden Nadel-Stichaktion ging’s heute weiter mit der sogenannten Reflexionsgruppe. Der Name klingt ja erstmal tiefgründig – man erwartet Seelenschau, Selbsterkenntnis, vielleicht sogar ein bisschen Gruppendynamik deluxe.

Tja… stattdessen gab’s 20 Minuten Gratis-Unterhaltung mit Themen aus dem Leben: „Wer hat wo geraucht, obwohl er’s nicht durfte?“ (Balkon auf der Reha), „Wer hat einen Strafzettel bekommen?“ und natürlich das Highlight – „Wer hatte fast einen, aber dann doch nicht?“ Pure Spannung!

Ich nenne das Ganze liebevoll „Alltag mit Deppensteuer“ – bezahlt wird mit Lebenszeit, manchmal auch mit echtem Geld. Aber hey, immerhin sind sie trotz öfteren gröberen Dummheiten erstaunlich oft ohne Strafe davongekommen. Fast schon ein Talent.

Fazit: Reflexion erfolgreich – ich reflektiere jetzt, dass meine Geduld offenbar noch erstaunlich belastbar ist.

Immer wieder sonntags…

Reha-Report: Sonntags-Gossip statt Gruppentherapie

Therapiefrei – oder wie man hier sagt: endlich Zeit für die wahren Heilungsprozesse, Zeit für die einzig wahre Wahrheit: den menschlichen inoffiziellen Gossip…

Da wäre zum Beispiel der männliche Kindergärtner, der beim Nordic Walken mit gespreizten Armen die Straße blockiert – als wäre er der letzte Schülerlotse des Planeten. Im Wald erinnert er alle, keinen Müll liegen zu lassen, und seine Playlist klingt vermutlich wie ein Kindergeburtstag auf Dauerschleife: von „Aramsamsam“ bis „Let it go“.

Dann der Möchtegern Handwerker Typ, der auf die Frage „Warum bist du eigentlich hier?“ ehrlich sagt: „Keine Ahnung, mein Psychiater meinte, das wär gut für mich.“ Komplexe Denkleistungen? (Spoiler: Fehlanzeige. Wie bei vielen hier.) In der Entwicklungsphase des Kindes hängen geblieben und nur in Randbezirken weiter entwickelt. (Sein Klemmbrett – mit dem Therapieplan – legt er scheinbar nur beim schlafen aus der Hand)

Das Mädls-Duo wiederum – anfangs eine seelische Siamesenzweiergemeinschaft im DZ. Die eine kannte die Ticks, Zwänge und Panikattacken der anderen schon fast biblisch, weil sie selbst, der Freund der Schwester der Mutter des Kaufmanns ihrer Tante oder der Hund vom Nachbarn das auch mal hatten.… (Ich war schon vor fünf Ecken beim dritten Verwandtschaftsgrad ausgestiegen.) Inzwischen: Trennung auf Zeit, weil eine ihr männliches Spiegelbild gefunden hat. Die Romantik lebt – nur halt getrennt, die harmonische Scheidung ist vollzogen. Platz für neue Zweisamkeiten, Ticks und Diagnosen.

Dann die fast 70-jährige Südamerikanerin –mit mehr Feuer als der gesamte Rest. Ihr größter Kulturschock in Österreich? Auf einer Party zu fragen: „Wann wird hier eigentlich getanzt?“ – Verwirrte Blicke – und nur Leichenstarre zu ernten.

Und schließlich das neu eingetroffene Seniorenpärchen. Sie: rollatorisch unterwegs, chronisch grantig. Er: stiller Satellit im eigenen Orbit. Kürzlich bei der Physio – Therapeutin legt ihm die Hand auf die Schulter und sagt freundlich: „Sie haben erst in einer Stunde Termin.“ Gehen Sie doch zu Ihrer Frau.“ Sein Lächeln erlischt in Zeitlupe. Sein Gesicht daraufhin: langsames Dahinschmelzen einer einst glücklichen Seele. Drei Schritte später: der innere Kampf. Ab ins Zimmer? Oder doch lieber einen Boxenstop im Café? Man sah ihn kämpfen – zwischen Rückzug ins Zimmer und Flucht in die Cafeteria.

Fazit: Der Sonntag in der psychiatrischen Reha ist mehr als nur ein therapiefreier Tag – es ist eine Bühne für die komischsten, seltsamsten und berührendsten Geschichten. Ob Kindergärtner, Handwerker oder feurige Südamerikanerin – jeder bringt seine eigene Note in das bunte Potpourri menschlicher Erfahrungen ein. Und während wir über unsere kleinen Macken lachen, schaffen wir es, den Alltag ein Stück weit leichter zu nehmen. Die echte Therapie findet eben doch sonntags statt. Und sie ist köstlich. Schließlich ist Humor die beste Therapie, die niemand verschreiben kann! 😁

Vortrag Selbstfürsorge – oder: Wer sorgt hier eigentlich für wen?

Ah, 9:00 Uhr. Die obligatorischen Samstag Vorträge beginnen. Thema: Selbstfürsorge: jener magische Moment, an dem wir alle gemeinsam beschließen, ab heute besser auf uns achtzugeben. Die Grundlage für diese erleuchtete Entscheidung? Drei Tassen Kaffee und ein gutes Frühstück.

Die vier Säulen der Selbstfürsorge werden feierlich enthüllt:

1. Körper: Bedeutet laut Theorie ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung und Bewegung. In der Reha-Praxis bedeutet es, den Kampf mit dem Thermostat im Zimmer zu gewinnen. Ein Sieg, der sich wie ein Lottogewinn anfühlt.

2. Psyche: Achtsamkeit, Meditation, Reflexion. Oder, wie ich es nenne: „Das innere Kopfkino abstellen, das einen ununterbrochen den Vortrag vom letzten Dienstag nacherzählen will.“

3. Sozial: Sinnvolle Beziehungen pflegen. Übersetzung: Smalltalk im öffentlichen Bereich über das einzige verbindende Element: „Wann, glaubst du, gibt’s heute Mittagessen?“

4. Existenziell: Der Sinn des Lebens, Werte, Perspektiven. Wird um 10:00 Uhr von der drängendsten existenziellen Frage aller Zeiten verdrängt: „Ist es zu früh, die Therapeutin zu fragen, ob es heute wieder diesen Pudding als Dessert gibt?“

Und da ist er. Punkt 10:10 Uhr. Die Hand geht hoch. Nicht um eine tiefgründige Frage zur eigenen Existenz zu stellen, sondern um die ewige, universelle Wahrheit zu erkunden: „Entschuldigung, wann gibt’s denn heute Mittagessen?“

Selbstfürsorge in a nutshell. Wir streben nach Erleuchtung, aber unser Magen denkt an Schnitzel. Vielleicht ist die wichtigste Säule ja doch die fünfte: Humor. Denn wer über sich selbst lachen kann, hat die Reha schon halb geschafft.

Vortrag „Essen als Ersatz“ – oder: Wenn der Magen gar nicht das Problem ist

Der Vortrag startet mit der Frage: „Wann essen Sie?“ – Antwort aus dem Publikum: „Wenn’s was gibt.“ Ehrlich. Sympathisch. Psychologisch vermutlich ein Volltreffer.

Es geht weiter: Wann, wo, wie wird gegessen?

Tja, in der Reha meist im Speisesaal, zu fixen Zeiten, mit Blick auf die Uhr und innerlich betend, dass es heute wieder so köstlich schmeckt wie es klingt.

Dann die verschiedenen Hungerarten:

Magenhunger – der einzige, der wirklich Grund zur Existenz hat.

Augenhunger – „Oh, das sieht lecker aus!“ (zwei Bissen später: bereut).

Nasenhunger – verführerischer Kuchenduft aus der Küche – und zack, Opfer.

Mundhunger – auch bekannt als „Ich trink lieber nix, ich kaue lieber was“.

Fazit: Wir essen nicht, weil wir Hunger haben – sondern weil wir Emotionen, Langeweile oder Kindheitstraumata snacken.

Und wer ehrlich ist, weiß: Der eigentliche Appetit kommt meistens vom Kopf – oder vom Speiseplan. Und jetzt entschuldigt mich. Der Geruch von Mittagessen dringt herein. Mein Nasenhunger hat soeben meinen Magenhunger überredet, dass wir beide unbedingt noch ein bisschen Seelenhunger brauchen. Achtsamkeit kann warten. Das Cordon Bleu nicht.

Reha-Ausflug: Von der Gruppendynamik zur Erleuchtung (mit Pause)

Das Mittagessen war gegessen, was tut man jetzt? Richtig. Man „flüchtet“ mit einer Mitpatientin in die Realität. Oder zumindest nach Grafenegg.

14:00 Uhr: Der große Ausflug
Die Autotür fällt ins Schloss. Ein befreiendes Geräusch. Für die nächsten Stunden riecht es nach Freiheit und nicht nach Desinfektionsmittel. Unser Ziel: Ein Schloss. Warum? Weil wir uns fühlen wollen wie Prinzessinnen, deren größtes Drama momentan ist, ob das Joghurt zum Frühstück löffelweise abgezählt wird.

14:30 Uhr: Die Ernüchterung
Das Schloss war zu. Symbolischer hätte es nicht sein können. Willkommen im Club der verschlossenen Türen. Wir stehen davor, wie vor unseren eigenen Blockaden. Hauptsache, die Fassade ist schön.

15:00 Uhr: Der Wolkenturm
Statt feudale Prunksäle zu besichtigen, stehen wir vor einem Beton-Koloss 1750 Sitzplätze. Alle leer. Die größte Stille, die ich je gehört habe. Passend. In meinem Kopf ist es momentan auch überwiegend leer.

16:00 Uhr: Die Erleuchtung (geplant)
Weiter ging’s zur Friedensstupa. Ein Ort der Stille, Liebe und Frieden. Oder, wie wir in der Reha sagen: „Ganz schön anstrengend, hier nicht über die Reha-Soap nachzudenken.“

Aber dann passierte es. Die tibetische Gebetsmühle. Ich drehe sie im Uhrzeigersinn. Warum? Weiß ich nicht. Die Anleitung sagte es so. Es fühlte sich an, als würde ich endlich mal an etwas drehen, das nicht meine eigenen Gedanken sind.

Für einen kurzen Moment, zwischen Drehen und Durchatmen, war da tatsächlich so etwas wie Einklang. Oder vielleicht war es auch nur die Vorfreude aufs Abendessen.

Finale in Krems: Die Kaffee-Erlösung

Und so endet der große Aus(bruch)flug, wie alles in der Reha endet: mit einer Tasse Kaffee. Aber nicht irgendeiner. Ein ziviler Kaffee. In Krems.

16:30 Uhr: Die letzte Bastion der Normalität
Wir sitzen in einem Café, in dem die größte existenzielle Krise die Frage ist, ob die Milch schaumig genug ist. Hier gibt es keine Therapiepläne, keine Visiten, keine strukturierte Tagesgestaltung. Nur zwei Ausreißerinnen und die heilige Dreifaltigkeit: Espresso, Cappuccino, Melange.

Das erste Schlürfen. Ein Moment der Wahrheit. Schmeckt nach Freiheit. Oder zumindest danach, für eine Viertelstunde nicht als „Patient“ gesehen zu werden, sondern einfach nur als jemand, der zu spät am Nachmittag Koffein konsumiert und damit vermutlich seinen Schlafrhythmus ruiniert.

Die eigentliche Therapie
Während wir unseren Kaffe genießen, passiert die eigentliche Heilung. Wir reden nicht über Befindlichkeitskurven. Wir tratschen über die anderen. Wir tun, was normale Menschen in einem Café tun: wir genießen die kleine, alltägliche Sünde. Der Kaffee war teuer. Die Milch vielleicht nicht bio. Aber es war die beste Investition der Woche. Billiger als eine Therapiestunde und fast genauso wirksam.

Jetzt geht’s zurück. Die Realität wartet mit dem Abendessen. Aber irgendetwas ist anders. Vielleicht war es die Stupa, vielleicht der Wolkenturm. Wahrscheinlicher ist, dass es der Kaffee war.

Die Erkenntnis des Tages:
Manchmal muss man vor verschlossenen Schlössern stehen, um offene Räume in sich selbst zu finden. Und manchmal reicht es schon, einfach nur eine Scheibe zu drehen, die sich leichter bewegt als der eigene verkantete Gedankenkarren. Oder eben in einem Café, mit dem Geschmack von Freiheit auf der Zunge. Und falls nicht, war es wenigstens ein verdammt guter Kaffee und ein schöner Tag.

Jetzt bin ich zurück. Der Geruch von Abendessen und Realität liegt in der Luft. Aber irgendwie riecht es heute ein bisschen nach Möglichkeit.

Reflexionsgruppe – oder: emotionale Kotzparty mit Rauchpause

Heute wieder Reflexionsgruppe. Das übliche: einer nach dem anderen kippt seine seelische Gülle in den Kreis – Gruppenkotzen in Reinform. Das offizielle Kotzbecken der Seele. Wo die Regale der Erinnerungen geöffnet und die Leichen aus dem Keller gezerrt werden.

Ein Beispiel zum Thema Zwangsgedanken: mittags mit dem Suppenschöpfer an ein Glas gestoßen, sofort Kopfkino Deluxe – was, wenn ein Splitter in die Suppe gefallen ist? Was, wenn jetzt jemand an deinem imaginären Splitter stirbt? Natürlich folgt die gründliche Glasuntersuchung: kein Kratzer, kein Sprung, alles heil – aber das Hirn schaltet trotzdem in Endlosschleife. Willkommen im mentalen Escape Room ohne Ausgang.

Der nächste erzählt, dass er früher trank, um die Bilder aus dem Jugo-Krieg zu vergessen. Massengräber, Kinder, Kopfschüsse. „Backflash“ nennt er das. Das obligatorische Gruppen-Gejammer, kurzes Schluchzen. Die Umarmungs-Orgie. Das kollektive Schulterklopfen. Die Dankbarkeit fürs „Öffnen“. Ein paar haben sich schon erleichtert – verbal wie emotional – und verlassen vorzeitig den Raum.

Irgendwann, nach ~ 55 Minuten, fragt man mich, ob ich auch noch was sagen möchte.

Meine Antwort? „Nein, danke“. (Spoiler: Ich trage heute leider nicht das passende Drama-Outfit für einen öffentlichen Seelenstriptease. Da sind mir meine Selbstgespräche doch reflexionsfördernder.)

Und nach der Gruppenumarmung (Spoiler: natürlich ohne mich – diese ungebetenen Keime im Haus sind Drama genug) marschiert die Kuschel-Truppe brav zur Rauchertherapie mit Nikotin-Infusion.

Psychiatrische Reha. Tag irgendwas

 „Nordic Walking mit Erleuchtungstendenz“

Der Plan: Nordic Walking. Alleine. Ohne Therapeuten-Gruppe, ohne Mitpatienten. Ganz ohne Gruppe, ohne Smalltalk, ohne übermotivierte Pulsuhren-Träger. Nur ich, meine Playlist und das Reha-Gelände – quasi Luxusurlaub für Introvertierte.

Das Gelände ist feucht, die Wege rutschig. Die kühle Herbstluft strömt mir in die Lunge, ich höre meine Playlist. Kein Mensch weit und breit. Nur ich und die Natur.

Und plötzlich passiert es: Ich spüre etwas. Nicht nur den Knöchel. Sondern so etwas wie… Frieden. Eine Verbindung zum Matsch unter meinen Schuhen. Ein Hauch von ungewollter Achtsamkeit. Und dann traf mich der Gedanke wie ein Schlagstock aus Räucherstäbchen: Erlebe ich hier gerade einen spirituellen Durchbruch? Bin ich gerade auf dem Weg zur esoterischen Öko-Finny-Metamorphose, die mit Kristallen redet und ihren eigenen Kompost herstellt??!

Keine Panik – noch kein Chakren-Geläut, kein Yoga-Flow auf der Wiese, kein „Namasté“ mit Baumumarmung. Nur Nordic Walking… mit Verdacht auf spirituelles Frühstadium.

Fazit: Die Natur ist ganz okay. Vor allem, wenn sie einen vor sozialen Interaktionen schützt. Und ich wurde, Stand jetzt, mit keinen Bällen konfrontiert.

Das nenne ich einen verdammt erfolgreichen Tag.

Von Drachen, toxischen Katzen und enttäuschten Hoffnungen

Weiter geht’s im Programm. Nach dem Wald-Erweckungserlebnis folgte die Erwachsenen-Bastelgruppe. Ein Ort, an dem Pappe, Kleber, die fragilen Reste unseres Selbstwertgefühls und stille Verzweiflung auf kreative Selbstfindung aufeinandertreffen.

Mein Ton-Drache – ein windschiefes Ebenbild pädagogisch wertvoller Beschäftigung – schmort aktuell im Ofen vor sich hin. Er wird „fixiert“, wie es hier so schön heißt. Bei uns wäre das eine Zwangsmaßnahme. Bei Ton ist es Kunst.

Während meine Kranke(n)schwester-Räucherfigur in Katzenform – ihr Blick erinnert weniger an therapeutische Fürsorge, sondern eher an eine Mischung aus psychedelischem Nervenzusammenbruch und Außerirdischen-Nahtoderfahrung, noch trocknet…

…nutzte ich die Zeit, wie jede vernünftige Person in der Basteleinheit: Ich lese an einem Buch weiter.  (Selbstfürsorge Deluxe.)

Auf dem Weg zum Mittagessen dann der Schock: Beim Blick auf unsere Therapiepostkästen – Fokusgruppe um 14 Uhr abgesagt.

Manchmal sind die größten Therapieerfolge die ausgefallenen Therapiestunden.

Trauer, Fassungslosigkeit, kollektive Orientierungslosigkeit. Enttäuschung. Wir mussten es wehmütig zur Kenntnis nehmen. So wehmütig, wie man eben sein kann, wenn einem eine Stunde Gruppentherapie erspart bleibt.

…endlich 🍿Popcorn-Kino in der Reha

Titel: Gruppen-Therapie oder „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ mit Tee und Taschentüchern.

Willkommen in der Gruppentherapie, dem Ort, an dem sich die wahre Action der psychiatrischen Reha abspielt, gleich neben dem Raucherhof. Ein Mikrokosmos, der irgendwo zwischen einer schlechten Daily-Soap und einer Dreigroschenoper für Menschen mit Krankenkassentarif angesiedelt ist.

Die geschiedene DZ-Mädels-Gang sitzt räumlich noch beisammen, aber emotional längst in getrennten Staffeln. Der Reha-Schwarm (natürlich derselbe Typ, um den’s früher oder später immer geht) und die „Ich-kenn-jemanden-der-auch“- 27j. Expertin sind mittlerweile in einer Phase, die irgendwo zwischen passiv-aggressivem Smalltalk und diplomatischem Kalten Krieg pendelt.

Heute wurde es konkret. Es ging um die 27-Jährige, die bitte, bitte auf den Punkt kommen soll. (Yalla – mach schneller und tu nicht nur rumoxidieren und Worte versprühen) Warum? Weil es den Freund ihrer Zimmergenossin zur Weißglut treibt. Seine Wut ist so greifbar, man könnte sie in Scheiben schneiden und auf Brot essen.

Seine Freundin? Die sitzt zwischen allen Stühlen kurz vor einer Panikattacke. Er lästert bei ihr über die Zimmerkollegin, sie nörgelt bei ihr über ihn. Ein klassisches Sandwich-Desaster. Die Folge: Tränen. Fluchtreflex. Aktion!

Doch halt! Die Therapeutin, die Regisseurin dieses Dramas, ersucht sie, auszuharren. „Bleiben Sie. Halten Sie es aus. Reden Sie.“ (Spoiler: Das Skript sieht keine Flucht vor.)

Und der junge Mann? Er weint nicht. Nicht heute. Das ist unser Cliffhanger. Ein Fels in der Brandung aus Tränen und Tratsch.

Fazit der Einheit: Es war unterhaltsam. Es war absurd. Es war lebendiges Leben, direkt vor meinem Platz an der Wand. Herrlich, dieses Zaungast-Dasein. Man braucht kein Netflix, wenn man die Basisgruppe hat.

Moorleiche trifft Massageidylle

Heute stand Rückenmassage mit warmer Mooranwendung am Programm. Klingt nach Wellnessurlaub, fühlt sich aber eher an wie ein Tinder-Date mit Mutter Erde – heiß, klebrig und irgendwie unangenehm intim.

Beim Reinkommen denk ich kurz, ich wär versehentlich in ein Esoterik-Start-up gestolpert. Ruhige Musik, Harfenklänge, ein Diffuser haucht Lavendelträume in die Luft, und die Lampe wechselt Farben wie ein meditierender Regenbogen 🌈 auf Valium 💊.

Die Therapeutin – sanft, fokussiert, überzeugend – trägt warmen Schlamm auf meinen Rücken auf. Ich nicke verständnisvoll, obwohl mein Hirn unweigerlich „Moorleiche“ ruft. „Das entspannt die Muskulatur“, sagt sie. Ich glaub’s ihr – einfach, weil Widerspruch in dieser entschleunigten Atmosphäre wahrscheinlich als Sakrileg gilt.

Ich liege also da, halb Kartoffelgratin, halb Wellness-Influencer, bis aus der Nachbarkabine ein weiblicher John Wayne aufersteht. Stimme wie ein rostiger Auspuff, Feingefühl wie sein Pferd auf der Zielgeraden. Spätestens als jemand den Desinfektionsspender im Kickstarter-Modus betätigt, ist’s vorbei mit Zen.

Harfe hin oder her – meine persönliche Oase klingt plötzlich nach Werkstatt.

Dann folgt die Massage. Fachkundig, konzentriert, mit dem Enthusiasmus einer Muskelspielerin, die schon den achten Rücken des Tages knetet. Ich schwanke zwischen „Ah, das tut gut“ und „Okay, da war wohl ein Nerv – oder meine Seele“.

Nach je fünfundzwanzig Minuten bin ich entspannt, matschig und leicht gar gekocht. Kurz überlege ich, ob ich einfach hierbleiben soll – im warmen Moor, fernab von Gruppentherapie und Smalltalk zwischendurch. Man liegt da, riecht etwas erdig und du fragst dich, ob das jetzt Therapie ist – oder die Vorbereitung für eine Wiedergeburt als Sumpfpflanze. Haut sich jedenfalls gut an. 

Fazit: Aber nein, ich mache mich wieder brav Gesellschaftsfertig, schau mich im Spiegel an und denke: Wenn’s so weitergeht, bin ich am Ende dieser Reha nicht geheilt – sondern gepökelt

Autogenes Training und die fliegenden Ping-Pong-Bälle des Grauens

Therapietag geglückt. Man hat geredet, man hat ausgehalten, man hat gefühlt. Der Abschluss: Autogenes Training. Endlich. Die Stimme der Therapeutin wiegt uns in Sicherheit. „Ihre Arme werden schwer, warm, ganz entspannt…“

Ich bin weg. Tiefenentspannt. Meine Seele schwebt über einer Wiese. Irgendwo läutet eine ferne Glocke.

✴️ PING. PONG.🏓

Plötzlich ist meine Wiese voller fliegender, weißer Bälle. Sie kommen auf mich zu. Schnell. Bösartig. Mein Körper, soeben noch eine pürierte Masse aus Schwere und Wärme, schießt auf 180. Adrenalin flutet. Der Überlebensmodus ist aktiv.

Reflexartig schlage ich um mich. Mein entspannter Arm, eben noch schwer wie Blei, wird zur Abwehrwaffe. Zack! Zack! Ich wehre die Angreifer ab. Aus dem tiefen Seufzer der Entspannung wird ein ersticktes „Uff!“.

Was ist das? „Stellen Sie sich Ihre Sorgen als einen Ping-Pong-Ball vor…“ – JA, HAB ICH. UND ICH HAB IHM EINE GEKNALLT.

Die Illusion der Entspannung ist dahin. Zerbrochen an der harten, hohlen Realität eines Zelluloidballs.

Fazit: Meine Seele war kurz davor, den Frieden zu finden. Mein Körper fand aber, dass Krieg angesagter ist. Herrlich. Selbst in der tiefsten Entspannung lauert das Chaos – in meinem Kopf immer öfters in Form von kleinen, weißen Bällen 🤣

Dies ist eine humoristische, überspitzte Darstellung eines Alltagsmoments in der Reha, ohne den Wert der Therapie an sich schmälern zu wollen. Aber manchmal gewinnt einfach der Reflex.

Pointe des Tages: Die einzig wahre Therapie

Morgenaktivierung – Ping Pong für Fortgeschrittene (im Überleben)

Vier Schläger, ein Ball – klingt harmlos. Spoiler: Ist es nicht. Ein Ball. Weiß, leicht, flink – bewegt sich wie der goldene Schnatz. Nur dass wir keine Zauberer sind. Nach exakt zehn Minuten trifft mein Teamkollege zielsicher nicht den Ball, sondern meinen Daumen. Von Vorteil, wenn man noch neun andere Finger hat.

Ab jetzt gilt Dirty-Dancing-Regel Nummer eins: Das ist mein Tanzbereich, und das ist deiner.

Ich werde künftig keine weiteren Körperteile als Opfergabe ins Spiel bringen.

Im besten Fall schauen wir dem Ball einfach gemeinsam hinterher – elegant, wehmütig und völlig ungefährlich. Ein stilles, gemeinsames Scheitern. Immerhin ein Team-Erlebnis.

Vortrag als Gruppentherapie: Der Wettkampf um die krasseste Diagnose – Dauerschleife inklusive

Heute: Vortrag über „psychische Gesundheit“.

Die üblichen Selbstdarsteller nutzen die neue Therapeuten-Bühne sofort um ihr Diagnose-Repertoire auszubreiten. Ihr Missionarauftrag: Jeden neuen Therapeuten auf den neuesten Stand ihrer Diagnose-Leistungsschau zu bringen.

Der Vortragende versucht tapfer, die Selbstoffenbarungs-Show in produktive Bahnen zu lenken – Stichwort „konstruktives Nachdenken“.

Ob’s gelingt? Sagen wir so: Zwischen emotionaler Regulation und Gruppendynamik findet man die altbekannte Olympiade des Leidens, manchmal ist es eben nur ein sehr dünner Therapieboden…

Fazit: Man könnte auch einfach nur den Vortrag anhören. Aber wo bliebe da der Drama-Faktor?

Musiktherapie – Klangvoller Nervenzusammenbruch in Dur und Moll

Heute fühlte sich die Musiktherapie an wie eine Panikattacke mit Burnout – musikalisch inszeniert.

Ein wilder Mix aus Trommelwirbel, Schreikrampf und Zupfinstrumenten, die klangen, als wollten sie sich selbst erlösen – spätestens, wenn die Saite beinahe reißt. Zwischendurch Harfe – natürlich, um das emotionale Chaos sanft einzupacken. Hat funktioniert wie ein Pflaster auf einem Vulkanausbruch.

Zum Abschluss das obligatorische „Wir-besingen-uns-selbst“-Ritual: Falls du vergessen hast, wie toll du bist – keine Sorge, wir erinnern dich lautstark daran. – Ich war so gestresst, dass ich mir teilweise die Ohren zuhalten musste. Das einzig Therapeutische heute: Die Erkenntnis, dass Stille ein Menschenrecht ist.

Pointe des Tages: Die einzig wahre Therapie

Nach der musikalischen Folter – offiziell „Musiktherapie“ genannt – flüchtet ein Crew-Mitglied frühzeitig ins Zimmer. Unter die Dusche.

Und er holt sich dabei runter. – seine eigenen Worte (Spoiler: meine Fantasie)

Fazit: Manchmal ist die beste Therapie die, die man sich selbst verschreibt. Und die ist oft kurz, knackig und erfüllt einen echten Zweck.

Wenn Bälle deine Existenz infrage stellen und die Erkenntnis deluxe

Gegen 8 Uhr treffen sich hier ein paar wackere Gestalten zur Morgenaktivierung. Die anderen? Haben sich selbstverständlich abgemeldet. Gesundheitlich angeschlagen, versteht sich. Nicht simuliert – nur zufällig immer dann, wenn Bewegung droht. Besonders bei den jüngeren Semestern, die sich eher für einen Schlafmarathon als für sportliche Betätigungen interessieren. 

Der Feind: Der Tennisball 🎾

Heute war unser morgendlicher „Feind“ rund, gelb und etwa 7 cm im Durchmesser. Klingt harmlos, entpuppt sich aber schnell als Werkzeug der psychischen Belastungsprobe. Und ja, dieser knuffige kleine Kerl sollte uns helfen, unsere Koordination zu trainieren. Wer hätte gedacht, dass ein kleiner Ball so viele Nerven kosten kann?

Ein Tennisball. Nein, zwei! Zwei dieser federleichten, hinterhältigen Kugeln, die sich weigern, den Gesetzen der Physik zu folgen. Die Aufgabe klang simpel: Werf, fang, überkreuz, lass nicht fallen. Was könnte schon schiefgehen?

Die Realität: Nach zwei Minuten glich der Turnsaal einer Mischung aus Hunnensturm und Pingpong-Hölle. Bälle flogen, Menschen duckten sich. Eine Hordenwanderung von Patienten, die verzweifelt fliegenden Bällen hinterherhecheln. Hände verknoten sich, Bälle kollidieren im Flug, und der Boden wird zum sicheren Hafen für alles, was nicht mehr fangbar ist. Es war weniger Koordinationstraining, mehr eine choreografierte Katastrophe – und irgendwo hörte man ein leises Kichern – vermutlich meines.

Am Ende standen wir da, atemlos, mit dem leisen Gefühl, dass nicht wir, sondern die Bälle uns trainiert hatten. Und die brennende Frage: Wer ist hier eigentlich näher am Nervenzusammenbruch? Wir, die Sportleiter oder die Tennisbälle, die heute mehr menschliche Hände gesehen haben, als ihnen lieb war?

Fazit der Einheit: Manchmal ist die größte Therapie, einfach nur einzusehen, dass man mit zwei Bällen gleichzeitig hoffnungslos überfordert ist. Und das ist okay. Hauptsache, wir haben alle überlebt. Auch die Bälle.

Einzelgesprächw Deluxe – Wo ich mir selbst auf die Füße trete

In einem sonnendurchfluteten Raum, der mir mehr Vitamin D als Klischee bietet, reden wir über meine Welt – die äußere und innere, liegt auf der Couch. Die äußere, die voller Herausforderungen und Aufregungen ist, und die innere, die sich manchmal wie ein Schattenboxring anfühlt. Da sind die Gedanken, die wie kleine Kobolde umhertanzen und mir ständig ins Ohr flüstern… ✨🌈

Hier kommt die Erkenntnis, die mir wie ein Sonnenstrahl ins Gesicht knallt: Ich bin sowohl Marionette als auch mein eigener Puppenspieler. Ja, du hast richtig gelesen! Manchmal fühle ich mich wie die Hauptdarstellerin in einem Drama, das ich nicht einmal selbst geschrieben habe. Und trotzdem: Ich halte die Fäden in der Hand. Ich kann entscheiden, ob ich tanze oder einfach mal die Beine hochlege und eine Pause mache.

Fazit: Die Balance finden, ich lernte, dass ich nicht nur die Marionette meiner Gedanken bin. Ich kann auch meine eigene Show inszenieren. Ich habe mir soeben selbst in den Faden 🧵 getreten. Grandiose Vorstellung. Wann gibts den Oscar? 🏆

Reha-Tagebuch, Montag der 13.te – Oder: Die Sache mit dem Eingemachten

Man könnte meinen, das Wochenende in der Rehaklinik sei ruhig. Weit gefehlt. Während die normale Welt bruncht, kämpfen wir hier gegen Dämonen. Die einen unsichtbar, im Kopf. Die anderen sehr sichtbar, an der Wand. Alle sitzen brav in ihren Stühlen, als ginge es um die Anordnung für ein offizielles Gruppenfoto. Während sich die anderen mit den standardisierten Sitzmöbeln arrangieren, entfaltet eine ihr persönliches Basiscamp. Yogamatte ausgerollt. Polster platziert. Decke drapiert. Ein kleines Nest der Nonkonformität zwischen den kreisenden Füßen. – wem‘s gefällt 🤷‍♀️

Der innere Kampf:

Einer erzählt von Zwangsgedanken und Zwangs-Ritualen, ein anderer von seiner Wut, die er traditionell an Wänden austobt – Seine frühere Bewältigungsstrategie: Faust gegen Beton. Effektiv? Kurzfristig. Für die Wand. Und die Hand. Man könnte sagen, Wutmanagement à la Innenarchitektur.

Die große Sinnfrage: Themenwechsel. Jemand schwärmt von seinem Thermenbesuch. Wellness für die zerknautschte Seele.

Dann passiert’s. Ein Vulkan bricht aus: Jemand anderes empfindet die ewige Erzählerei über scheinbar immer das selbe als „nichtsbringend“ – und entlädt sich verbal wie ein Hochdruckkessel kurz vorm TÜV

Er schüttet sich aus. Über die Bubble hier. Dass das hier nichts bringe. Dass da draußen die grausame, kapitalistische Welt lauere, in der er immer funktioniert hat. In der er gekündigt wurde von Vorgesetzten, die ihn nicht mal kannten. Die nur vier Stunden die Woche anwesend waren und trotzdem über sein Schicksal entschieden. Er denkt ans Abbrechen. Außerdem möchte er mehr gefordert werden, in die sogenannte Pflicht genommen werden – wie das harte Leben draußen ja ist. Er hat in seinem Job immer alles gemacht und verstand nie warum es immer ihm traf bei Kündigungen… er fühlt sich nicht vorbereitet für draußen…

Die Meuterei und die Offenbarung: Ein kurzes, meuterisches Aufflackern eines Aufstandes, so wie ein billiges Teelicht im Durchzug. Andere Gruppen, heißt es neidvoll, gehen angeblich „ans Eingemachte“ – Da wird in jeder Stunde mindestens eine Person zum Heulen gebracht.

Und dann… unsere Therapeutin. Ein verschmitztes Lächeln. Ein kurzes, gefährliches Aufblitzen in den Augen.

„Ja“, sagt sie fast beiläufig. „Ich kann auch anders.“

Wie sagte schon ein weiser, kleiner grüner Mann?  „Möge die Kraft mit uns sein – wir werden sie brauchen.“

Wenn der innere Teenager die Turnstunde sprengt

Therapieland. Eine bunte Mischung aus Menschen, die alle irgendwie versuchen, ihr Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Der Plan für heute: Bewegung. Kein Ironman-Training, kein Crossfit-Marathon. Sondern: Gemeinschaftsspiele. Ein bisschen albern sein, den Körper spüren, zusammen lachen. Eigentlich eine nette Abwechslung zum ständigen Grübelkreis.

Soweit, so gut.

Bis er sich meldet. Der Protagonist in seiner eigenen Tragikomödie. Derjenige, der in seiner persönlichen Geschichtsschreibung immer der unschuldig Gekündigte ist (Spoiler: Wir haben da so unsere Zweifel).

Plötzlich, aus dem Nichts, mutiert der innere pubertäre Elfjährige-Trotzkopf. Nein, dieses Spiel spiel ich nicht mit! Wenn schon, dann Basketball! – Kollektives Augenrollen. 🙄

Was folgt, ist eine Meisterleistung im passiv-aggressiven Protest. Unser Held thront demonstrativ auf der Bank, das Handy als Schild und Schwert zugleich gezückt gegen die Gemeinschaft.

Doch oh Schreck! Der Therapeut ist nicht beeindruckt von dieser one-man-show. Die Ansage ist klar, sachlich und unmissverständlich: „Entweder Sie spielen mit, oder Sie entschuldigen sich offiziell für diese Einheit und verlassen den Raum.“ – ich persönlich vermisse ja so klare Ansagen öfters, ich glaube es würde bei vielen zum Therapie Erfolg beitragen oder Ihnen zumindest vor Augen führen – aktuell nicht Reha Fähig zu sein.

Und zack – die männliche Dramaqueen verlässt die Bühne. Die Tür fiel ins Schloss. Der Rest von uns? Spielte alberne Spiele. Und hatte verdammt nochmal Spaß.

Reha à la Carte

Heute ist therapiefrei. Gott sei Dank. Zeit, über das wirklich Wichtige zu schreiben: Das Essen. Denn was sind schon seelische Abgründe im Vergleich zur Wahl zwischen Augsburger und Polentaschnitte?

Am ersten Tag erschien der Küchenchef höchstpersönlich, strahlend wie ein Fernsehkoch kurz vor der Werbepause. Er ging von Tisch zu Tisch, erkundigte sich nach Anreise, Befinden und Lebenssinn – ein Mann, der Small Talk so ernst nimmt, als hinge davon die gesamte Heilungskurve ab. Beschwerden? Anregungen? Immer her damit. Während ich mich fragte, ob das Menü meine Existenzkrise lindern könnte, war ich kurz versucht, um ein Glas Weintherapie zu bitten.

Und was bietet die kulinarische Trauma-Ambulanz? Eine verwirrende Vielfalt, die einen in die Lage versetzt, noch vor dem Mittagessen fünf fundamentale Lebensentscheidungen zu treffen.

Frühstück ist Buffet – die heilige Dreifaltigkeit aus Weißmehl, Wurst und Wellness-Müsli. Dazu Joghurt, Käse, Marmelade und ein Kaffeeangebot, das von „Filter“ bis „italienischer Nervenzusammenbruch“ reicht.

Mittagessen: Ein psychodramatisches Menü.

Es folgen die zwei Sakramente der Wärme – Suppe klar und cremig.

· Die Vegetarier („für Wiederkäuer mit Geschmack“),: Gnocchi, die dir in die Seele schreiben. Sellerieschnitzel für die, deren Probleme hausgemacht sind.

· Die Hausmannskost-Fraktion („für Fleischesser mit Schuldgefühl“): Augsburger, die so schwer sind wie die Erkenntnis in der Gruppentherapie.

· Die „Vitalkost„-Abteilung („für alle, die glauben, das bringt’s jetzt wirklich“): Kokos-Gemüsecurry. Es riecht nach Vergebung und schmeckt nach Selbstoptimierungswahn.

Abendessen: Die große Versöhnung und Entschleunigung: Ratatouille, das an bessere Tage denken lässt, und Fisolen-Speckauflauf, der klingt wie eine Fehlbesetzung auf einem Diätplan, und der einen direkt wieder in die Realität holt. Und Bauernsalat, oder Aufstriche in drei Aggregatzuständen.

Dessert? Natürlich. Reha-Erfolg misst sich schließlich auch am Zuckerspiegel.

Fazit: Das Küchen- und Serviceteam liefert täglich Herzenswärmer, Seelenstreichler und Gaumenverzückungen. Ich spüre die Genesung schon… Wenn die Seele streikt, überzeugt der Koch. Und ich bin überzeugt. Zumindest bis zur nächsten Waage.

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